Balmhorn

Frank Eberhard

Schrecklich schön

Während einer Hochtour auf das Balmhorn verliert sich ein Anfänger in Angst

und Panik. Sein erfahrener Begleiter merkt nichts davon

Fabian Der Alarm in meinem Kopf kreischt. Unmittelbar neben dem linken Schuh gähnt der Abgrund und der 40 Meter lange Firngrat, den ich zu überqueren versuche, will nicht enden. Jeder Schritt muss jetzt sitzen. Jedes Stolpern wäre tödlich, genauso wie einige Zentimeter nach rechts auszuscheren: Nach einem Meter endet die Wechte, unter der die Wand in die Tiefe fällt. Wahrscheinlich schreite ich bereits über der unsichtbaren Abbruchkante. Genau wie Frank, der erfahrene Bergsteiger unter uns beiden, der sich einige Meter vor mir durch den Schnee arbeitet. Die Sirene brüllt: „Bloß nicht die Kontrolle verlieren!“ In Wirklichkeit hat die Angst längst den Verstand gekapert, wie eine Tsunami-Welle ist sie in den Geist geschwappt und ertränkt die nüchternen Gedanken. Die Gefahr, sie ist so bedrückend nah, so ungewohnt nah. Als Stadtkind, das sich selten in die Berge verirrt, kenne ich das nicht. Normalerweise halten Absperrzäune, Ampeln und Warnschilder den Tod auf Abstand. Nun lassen die Gedanken an den Sensenmann

mein Gemüt rasen. „Ich will leben! Was mache ich hier?!“

 

Ein Tag zuvor. Mit einem gedämpften Ruck schiebt sich die Kabine der Seilbahn in die auf 1936 Metern Höhe gelegene Bergstation Sunnbüel. Frank und ich hieven die Rucksäcke auf die Schultern. Der zweitägige Fußmarsch auf das Balmhorn beginnt. Es ist bereits spät. 15 Uhr. Der Schotterweg schlängelt sich hinab auf eine Hochebene, die Spittelmatte, auf der Kühe weiden und durch die ein Fluss rauscht. Auf der einen Seite des Plateaus erhebt sich ein Bergkamm, abweisend wie eine Sperrmauer. Gegenüberliegend schiebt sich die geneigte Wand des Altels in die Höhe. Nach einiger Zeit verlassen wir den Weg und steuern über eine Wiese auf ein von Gletschern ausgefressenes Tal zu, bis wir schließlich auf einen Pfad stoßen, der uns zuerst über den Schmelzbach und dann direkt zum Fuß der Moräne führt. Wir arbeiten uns Meter um Meter empor. Inzwischen fühlt sich der Rucksack schwer an, der Choleriker in mir schimpft über jedes einzelne Kilogramm. Gleichzeitig bin ich froh, dass Frank Zelt, Gaskocher und ein Seil trägt. Als ich ihn mustere, erinnert mich sein gleichförmiger Gang an den eines Lastesels, der das Gepäck trägt, als ob er nie etwas anderes gemacht hätte – nie zu schnell, nie zu langsam, schlicht abgeklärt.

 

Frank Das läuft doch ganz gut, denke ich mir. Fabian macht einen wesentlich fitteren Eindruck als im vergangenen Jahr. Jeden Spätsommer oder Herbst unternehmen wir gemeinsam eine Tour. Fabian reist dazu eigens aus Berlin ins Allgäu und von dort aus steuern wir unsere Ziele an: Dolomiten, Lechtal und jetzt das Berner Oberland. Die letzten Male ist er immer an seine körperlichen Grenzen gestoßen – schade, denn seine Psyche ist für die eines Anfängers stabil und er bewegt sich souverän im ungewohnten Gelände. Das Balmhorn ist unser erstes Ziel, das ich ausgesucht habe. Ein Hatscher – hoffentlich wird es ihm nicht zu langweilig. Aber es ist die Gelegenheit, ihm eine echte Hochtour zu bieten, noch dazu in wilder Umgebung. Es ist immer wieder beeindruckend, sich einem hohen Berg Schritt für Schritt zu nähern. Ich genieße es: Die kühle Luft, die immer spärlicher werdende Vegetation, die Abstinenz jeglicher Zivilisation – ja, sogar den vertrauten Druck des Rucksacks auf den Schultern.

 

Fabian Der Tag endet an einer Felswand, zu deren Füßen ein mächtiger Steinbrocken liegt, groß genug, um einen Lastwagen zu zermalmen. Auf seiner Rückseite stoßen wir unverhofft auf einen Biwakplatz. Unser kleines Zelt thront hier in 2500 Metern Höhe, mit Sicht auf den kläglichen Eispanzer des Schwarzgletschers. Morgen werden wir ihn besteigen. Und er sieht steil aus, furchtbar steil. Immer wieder eilen Wolken heran, lautlos, schnell größer werdend, fast schon bedrohlich, wie graue Wände, die alles auf ihrem Weg zerquetschen wollen. Doch sie kommen in Frieden und verhüllen die Welt lediglich mit ihrem trüben Grau – bis sie weiterziehen und sich bereits die nächsten Nebelschwaden in den Bergwänden verfangen. Von der Sonne ist derweil nichts zu sehen. Der Nebelschleier leuchtet selig an der Stelle, an der sie ausgesperrt wurde. Jede Zelle in mir wünscht sich ihren Anblick und ihre Wärme zurück. Erst recht, als sich die Nacht heranschleicht.

 

Frank Dafür, dass Fabian keine Lust auf das Biwak hatte, sitzen wir jetzt recht zufrieden da. Zugegeben, mir geht es wohl etwas besser: Ich fühle mich nach Monaten ohne echte Bergtour fast schon heimisch. Okay, der Schwarzgletscher oder das, was davon übrig ist, sieht übel steil aus. Aber das ist in der Draufsicht immer so. Mir war es nur wichtig, dass wir noch ein wenig mit Steigeisen und Pickel üben konnten. Und siehe da: Direkt neben unserem Zuhause auf Zeit haben wir das perfekte Firnfeld gefunden. Die Trainingseinheiten haben Fabian hoffentlich Selbstvertrauen gegeben.

 

Fabian Mit schrillem Klingeln drängt sich der Handywecker in die Traumbilder. Es ist 5.30 Uhr und stockfinster. Eine halbe Stunde später sind wir schon auf dem Weg zum Schwarzgletscher. Die Richtung stimmt, zumindest vage. Wir hatten uns am Tag zuvor den Weg eingeprägt. In der Dunkelheit ist alles verloren. Ich fühle mich ausgeliefert, ohne Kontrolle – bis wir schließlich am Rand des Eishangs stehen. So entsetzlich steil, wie er sich aus der Ferne gezeigt hat, ist er nicht. Wir schnallen uns die Steigeisen an. Frank stapft voran. Ich folge ihm hinauf, allerdings mag ich den Metallspitzen unter meinen Schuhen noch nicht so recht vertrauen. Während des Marschs über den Eispanzer gewinnen wir schnell an Höhe. Schritt für Schritt geht es empor, immer mit Blick nach vorne, mich umzudrehen wage ich nicht. Ich fürchte, dass mir der luftige Hang den Schrecken in die Glieder fahren lässt. Erst während einer Pause schiele ich beiläufig zur Seite, um es dann ganz zu wagen: Wie eine Skisprungschanze stürzt das Eis hinab auf das bereits weit entfernte Geröllfeld. Ein erhabener Anblick, der mich mit meiner Sorge versöhnt.

 

Frank Wir erreichen den Zackengrat und es ist grandios: Eis pflastert den dunklen Geröllrücken. Der Wind hat das Schauspiel verstärkt und den wenigen Schnee in Streifen an die Steine gepresst. „Gefühlt dürfte es hier minus zehn Grad haben“, sage ich zu Fabian. Das beruhigende Gefühl macht sich breit, dass wir mit dem Schwarzgletscher den gefährlichsten Teil der Tour bereits hinter uns haben und ich weiß, dass auch der Rückweg kein echtes Problem sein wird. Bis zum Gipfelhang wartet jetzt purer Genuss auf uns: Der Zackengrat, der eigentlich gar keine Zacken, dafür aber viel kurzweiliges Auf und Ab zu bieten hat. Mit etwas Glück wartet an dessen Ende auch eine Firnschneide auf uns. Alles also kein Problem. Hoffentlich hat Fabian auch genug Power für den Hang unter dem Vorgipfel, der ein ganz schöner Schinder sein soll.

 

Fabian Der Zackengrat endet an einer Kante, hinter der drei kurze Absätze auf ein Schneefeld führen. Während ich hinabklettere, sehe ich schon seitlich den Abgrund. Ich sperre die Gefahr aus meinem Verstand, schon bin ich unten bei Frank. Er sagt: „Jetzt bitte die volle Konzentration“ – und geht weiter. Die versteckte Warnung macht mich unruhig. Was meint er? Während ich über seine Worte nachdenke, bleibt mein Blick an einer ausgesetzten und verwechteten Querung hängen, keine zehn Meter entfernt. Ich möchte nicht weiter und gehe dennoch. „Frank wird schon wissen, was er tut“, rede ich mir ein und schiebe die Furcht zur Seite. „Schwierige Stellen schnell klettern“, hat mir einst ein Kletterlehrer empfohlen. Wer zu viel nachdenkt, blockiert sich selbst. Das gilt, so denke ich mir, auch in diesem Moment. Während ich auf den Engpass zugehe, registriere ich genau, wie die Schneefläche in den Augenwinkeln immer enger und steiler wird. Die Gefühle in mir zetteln einen Aufstand an. Schon wird das Kreischen immer stürmischer. Ich gehe weiter. Ich gehe. Ich. Und dann ist es vorbei. Chaos! Panik und Angst toben durch meinen Kopf, werfen mich hin und her. Es fällt mir schwer, mich auf die Schritte zu konzentrieren, die mich jetzt vor dem Tod bewahren. Weiter. Nur weiter. Schon jage ich den Pickel in die Schneeschicht. Weiter. Wenn ich mich halbwegs standfest fühle, wage ich es, einen Schuh in Franks nächsten Fußabdruck zu hieven. Immer wieder presse ich ihn hinein, bis ich mir wirklich sicher bin, dass der Untergrund nicht nachgibt. Weiter. Der nächste Fuß, dann wieder der Pickel. Weiter. Immer auf die Schuhe schauen und nicht an die Wechte denken. Alles in mir will dieser unerträglichen Situation entfliehen, bloß weit weg. „Das ist kein Ort für einen Menschen. Wo ist Frank? Wieso stoppt er nicht!? Er muss verrückt sein. Wie konnte er mich nur in dieses Drama führen?!“

 

Frank Es ist jedes Mal der gleiche Widerspruch: Ich liebe Grate, ihre Ausgesetztheit, ihre kompromisslose Linienführung. Doch wenn ich ehrlich bin, vermeide ich gern die Gefahr – das wird mir meistens dann klar, wenn sie unmittelbar ist. Die kurze Firnschneide zwischen dem Felsteil des Zackengrats und dem breiten Rücken des Vorgipfels spiegelt diese Ambivalenz wider. Trotz mangelnder Länge windet sie sich elegant und äußerst luftig über dem Nichts. Doch an diesem Tag ist sie gefährlich verwechtet und bietet wechselnde Schneequalität. Es war nicht schwierig, sie zu überqueren. Doch jeder Schritt musste sitzen, es lauerte der Tod im leichten Gelände. Wer das weiß, konzentriert sich und ist ebenso kompromisslos wie der Grat: Er macht einfach keinen Fehler. Ich wollte Fabian zwar nicht unnötig beunruhigen, habe ihn aber kurz gewarnt und er hat es verstanden: Voll konzentriert hat er einen Fuß vor den anderen gesetzt. Jetzt stehen wir wieder in Sicherheit.

 

Fabian Ich habe es geschafft und spüre doch kaum etwas. Ich bin mir selbst seltsam fremd. Frank schaut mich an. Er sagt etwas, das nicht bis zu mir vordringt. „Das war der Horror“, schieben sich die Worte leise aus meinem Mund. „Das war der Horror“, drückt es nochmals heraus, „der Horror“. Der Vorgipfel ist gerade mal 1000 Meter und 350 Höhenmeter entfernt. Entsprechend steil schwingt sich das Schneefeld in die Höhe, während es sich in der Breite viel Raum nimmt. Links neigt es sich gemächlich zur Seite, um irgendwann im Abgrund zu verschwinden. An der rechten Kante bricht es abrupt in die Tiefe. Wolkenfetzen streichen derweil über die Schneewüste. Die Sonne strahlt. Der Himmel ist blau, die Sicht herrlich. Ich habe keinen Blick dafür. Die aufgeweckte Angst flüstert mir Furchtbares ins Ohr. Dass ich verloren bin, wenn ich jetzt stürze, dass ich erleben muss, wie ich schneller und schneller über den abfallenden Schneehang rutsche, wie aus dem Sturz ein freier Fall wird, der nach vielen weiteren grauenvollen Sekunden schlagartig endet. Schwarzer Bildschirm. Ende. Es erscheint mir schlüssig, obwohl Frank sagt, dass keine Gefahr bestehe. Keine 250 Meter vor dem Vorgipfel taucht in dem weißen Eismeer eine schwarze Felsplatte auf, die endlich Halt verspricht. Es reicht. Endstation. Frank wirkt enttäuscht. Allein stapft er weiter. Ich schaue ihm hinterher, wie er höher und höher steigt, kleiner wird und dann hinter dem Vorgipfel verschwindet. Es fühlt sich an wie ein Abschied für immer. Später taucht er am letzten Anstieg zum Balmhorn (3698 Meter) noch einmal kurz auf. Dann bin ich allein. Auf meinem Posten kann von Sitzen kaum die Rede sein. Ich liege auf dem Felsen, weil ich fürchte abzurutschen. Den Schneehang, der sich unter meinen Schuhen ausbreitet, würdige ich keines Blickes. Das Kopfkino läuft trotzdem. Der Film unterbricht nur kurz, wenn ich mich auf das Bergpanorama konzentriere. Ein weißer Gigant reiht sich an den nächsten. Selbst der Montblanc nimmt an der Aufführung teil. Hier oben haben sie sich alle versammelt, und sie überfordern mich. Mit ihrer zur Schau gestellten Ewigkeit, ihrer Erhabenheit kommt meine Seele nicht zurecht. Und es ist so still, kaum auszuhalten.

 

Frank Die Stille ist vollkommen. Seit gestern haben wir uns unablässig durch Nebel und Wolkenfetzen gearbeitet und jetzt, auf den letzten Metern zum Gipfel, hat sich der Himmel gelichtet. Ich erlebe die Klischee-Vorstellung der perfekten Hochtour: Ich lege eine Spur in einen makellosen Hang, das Blau über mir hat dunkle Nuancen, wie es sie nur auf hohen Bergen gibt, und weit unten lachen mir unerhört grüne Wiesen entgegen. Schade, dass Fabian nicht weiter mitkommen wollte. So richtig kann ich die Szenerie nicht genießen. Ich bin mir sicher, verantwortungsvoll zu handeln. Schließlich wartet er auf einem breiten und sicheren Hang in der wärmenden Sonne. Auch der Bergschrund zwischen Vor- und Hauptgipfel ist an diesem Tag kein Problem, sodass ich mich nicht selbst gefährde. Ein paar Fotos und schon eile ich zurück.

 

Fabian Nach 30 Minuten steht Frank plötzlich wieder vor mir. „Wie geht’s?“, erkundigt er sich. Die Frage erscheint mir unerhört. Ich knurre ihm etwas entgegen, schon beginnt der Rückweg. Während des Abstiegs kostet es mich weiterhin viel Energie, meine Angst im Zaun zu halten. Allerdings gewinne ich mit jedem Schritt wieder mehr Gewissheit, dass mich die Steigeisen halten. Als wir erneut vor dem schrecklichen Grat stehen, fühle ich mich halbwegs gefestigt. Das letzte Kapitel des Dramas kann beginnen.

 

Frank Der kurze Firngrat hat Fabian unruhig gemacht. Und das macht mir Sorgen. Es sind nur wenige Meter – kurz absolute Konzentration und notfalls etwas Gewalt mit dem Arm über den Pickel in den Schnee übertragen und gut ist’s. Aber kann ich von mir auf andere schließen? War es legitim, einen Anfänger in solches Gelände zu bringen? Ich habe das Seil bis auf den Gipfel und wieder hierher geschleppt. Aber ich bin froh, es dabei zu haben. An zwei stabilen Felsnasen, die aus dem Schnee ragen, mache ich mit Bandschlingen Stand. Wenn Fabian etwas falsch macht, rutscht er im schlimmsten Fall 30 Meter den steilen Hang hinab. Einziger Wermutstropfen: Das Seil wird nicht ganz bis zum Übergang von Firn zu Fels ausreichen. Wahrscheinlich kommt er aber bis auf das breitere Gratstück, bevor er es freigeben muss.

 

Fabian Die Angst – sie ist wieder da, überall. Alarm! Das sichernde Seil? Verschwunden aus meiner Welt. Ich kämpfe um jeden Schritt, stehe wackelig, ramme den Pickel in den Schnee und muss verkraften, wie er manchmal einfach die Wechte durchstößt. Weiter. Nur weiter – bis zum Ausgang. Endlich! Das Schneefeld wird breiter und flacher, der gefährlichste Abschnitt ist geschafft. Meine Gefühle sind noch ganz anderer Meinung, da ruft mir Frank hinterher: „Noch ein Meter Seil.“ Meine Gedanken überschlagen sich angesichts des Grauens, mich jetzt ausklinken zu müssen. Mir bleibt keine Wahl. Blind greife ich an das Seil, das bereits leicht an mir zieht, öffne den Schnapper und es fällt hinter mir in den Schlund. Wie ein Ertrinkender im Wasser greife ich nach dem ersten Felsen. Von Stein zu Stein schiebe ich mich seitwärts, über die drei Steinblöcke hinauf auf den Zackengrat. Ich sitze auf festem Grund, in Sicherheit. Meine Hände zittern. Meine Gedanken zittern. Schon öffnen sich die ersten Schlösser, die mich in den vergangenen Stunden haben funktionieren lassen. Die Emotionen strömen aus ihrem Verlies, lassen mich stoßatmen, Tränen ziehen ihre Bahn. Ich bin überrascht, doch wehre mich zunächst nicht. Aber bald schicke ich die Wachmannschaft wieder auf das Feld. Auch Frank hat es geschafft. Während des Gangs über den Felsgrat kehrt endgültig Ruhe in meine Gedanken ein. Beinahe gut gelaunt steige ich den Schwarzgletscher ab, zunächst gehend, schließlich jage ich halb rutschend, halb bremsend hinunter. Ich fühle mich jetzt sicher, vielleicht zu sicher? Frank, der zum ersten Mal weit zurückbleibt, schreitet wesentlich vorsichtiger den Eispanzer hinunter. Über die Geröllhalde geht es zurück zum Biwakplatz, von dort über die Moräne weiter in das Tal und zur Bergstation Sunnbüel. Wir erreichen sie um 16.30 Uhr.

 

Frank Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ohne erkennbaren Grund wollte Fabian kurz unter dem Vorgipfel nicht mehr weiter – ich dachte, dass er erschöpft war, viel gesagt hatte er nicht. Doch jetzt rennt er den Gletscher runter, als ob wir noch nichts getan hätten. Auf dem Weg zur Sunnbüel sprechen wir kaum. Die karge Welt wird wieder grüner und ich spüre, dass sich eine der schönsten Touren des Jahres dem Ende zuneigt. Gerne hätte ich Fabian auf den Gipfel gebracht. Ich hoffe, dass er die beiden Tage am Balmhorn auch so genossen hat.

 

Fabian Zwei Tage später. Ich bin zurück in Berlin und gedanklich längst mit dem Alltag verwoben. Auf einmal schleicht sich etwas heran. Ein Gefühl überfällt mich, das mir vom Balmhorn vertraut ist. Es schnürt mich ein, genauso wie vor zwei Tagen, als ich unterhalb des Vorgipfels auf Frank wartete – alleingelassen und scheinbar der Todesgefahr ausgeliefert. Die Erinnerung ist plötzlich wieder quicklebendig, doch dieses Mal macht sie mir nichts. Die unangenehmen Empfindungen fließen aus mir heraus und als sie schließlich versiegen, fühle ich mich von einer Last befreit, die offenbar seit der Bergtour auf mir lastete. Umso mehr Zeit vergeht, umso nüchterner denke ich über das Balmhorn. Der Firngrat hat sich zu einem unangenehmen, aber machbaren Hindernis reduziert, auch der Gipfel sollte kein Problem sein. Dass ich nicht auf dem Balmhorn gestanden bin, ist ein Schönheitsfehler – angesichts meiner ersten Nacht in einem Biwak, dem ersten Mal Steigeisengehen und einem wunderbaren Naturspektakel in vollkommener Abgeschiedenheit. Am Ende bleibt nur tiefe Zufriedenheit, bei dieser „furchtbar schönen“ Bergtour dabei gewesen zu sein.

 

 

Stille Hochtour auf Dreitausender

 

Hochtour auf einsamen großen 3000er im Berner Oberland. Über weite Strecken existiert kein Pfad. Der Schwarzgletscher ist steil, der Zackengrat meist leicht, aber ausgesetzt.

 

INFO Kandersteg Tourismus, CH-3718 Kandersteg, Tel. +41 33 6758080, www.kandersteg.ch

ANREISE Über Bregenz in die Schweiz und über Sargans und Luzern ins Berner Oberland und am Thunersee nach Kandersteg abbiegen.

EINKEHR Restaurant an Bergstation der Luftseilbahn Sunnbüel.

BERGBAHNEN Luftseilbahn Sunnbüel, Anfang Juni bis Ende Oktober von 8 bis 17.30 Uhr alle 30 Minuten, Tel. +41 33 6758141, www.sunnbuel.ch

LITERATUR Richard Goedeke: Hohe 3000er in den Alpen, Bruckmann, 2009.

KARTE Landeskarte der Schweiz, 1:25 000, Blatt 1267, Gemmi.

AUSRÜSTUNG Komplette Hochtourenausrüstung, zusätzlich Zelt, Schlafsack und Kocher.

 

 

Balmhorn über Zackengrat, 3698 m

 

Schwierigkeit Hochtour, mittel

Gehzeit 14 Std.

Höhenunterschied 1870 Hm

 

Hochtour in einer wilden Gegend der Berner Alpen, die technisch zwar keine so hohen Ansprüche setzt, aber durch recht ausgesetztes Gelände führt.

 

BESTE ZEIT Juli bis Oktober.

TALORT Kandersteg, 1174 m.

AUSGANGSPUNKT Bergstation Sunnbüel, 1936 m.

ROUTE Von der Bergstation Sunnbüel auf Wanderweg in südwestliche Richtung bis zu einer Bank an einem Felsen und einem gelben Wegweiser („Tatelis“). Dort den Weg verlassen und auf den bereits sichtbaren Zackengrat zuhalten. Eine dünn ausgetretene Spur quert den Schmelzbach des Schwarzgletschers und es geht auf der rechten Seitenmoräne hinauf, bis Biwakplätze sichtbar werden, der beste befindet sich auf der Rückseite eines riesigen Felsbrockens (2500 m). Vom Biwak über Schotter auf den 35 Grad steilen Schwarzgletscher zu, geradeaus hoch und nach einer Felsinsel nach links zum Grat raus queren (3200 m). Diesem im Auf und Ab folgen, bis er nach einem kurzen, ausgesetzten Firnstück in einen breiten Rücken übergeht, der zum Vorgipfel leitet. Von dort nach kurzem Zwischenabstieg zum höchsten Punkt. Abstieg auf dem gleichen Weg.

 

 

 

Informationen auch unter: http://www.alpin.de

 

 

 

Geschrieben mti Fabian Bendery

Erschienen im Septemberheft 2015 von Alpin

 

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