Bergrettung

Frank Eberhard

Vielseitige Retter

Wenn in den Bergen etwas schiefgeht, muss die Rettung funktionieren. Egal wo, egal wann. Doch wie arbeiten eigentlich die vielen verschiedenen Organisationen in den Ostalpen zusammen?

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Es geht ganz schnell und kann jedem passieren. Ein Bergsteiger stolpert vergangenen Juli um die Mittagszeit am Stubaier Höhenweg und stürzt vor den Augen seiner Familie schmerzhaft auf Kopf und Rippen. Er ist weder zur falschen Tageszeit noch mit schlechter Ausrüstung unterwegs, sondern einfach nur für den Bruchteil einer Sekunde unaufmerksam. Doch das macht jetzt ohnehin keinen Unterschied. Fakt ist, dass der Mann schwer verletzt ist und Hilfe braucht. Damit diese schnell und zuverlässig ankommt, prüft die zuständige Bergrettung Neustift sofort nach der Alarmierung, wie sie zum Verletzten kommt. Doch an diesem Tag wartet alles andere als ein Standard-Einsatz auf sie.

 

"Dieser Unfall ist nur einer von unzähligen, die sich jedes Jahr im Alpenraum ereignen", sagt Peter Veider, Chef der Tiroler Bergrettung. Diese ist die mit Abstand größte in Österreich und verfügt mit 16 Maschinen zudem über die größte Hubschrauberdichte weltweit. Doch liegen die Alpen ja nicht nur in einem Staat, sondern im Verwaltungsgebiet mehrerer Länder, Bundesländer und autonomen Regionen. Doch wenn es drauf ankommt – wer rettet eigentlich Bergsteiger in Not, wer fliegt - falls nötig - und wer bezahlt dafür? Wir nehmen die Arbeit der Bergretter in den Ostalpen unter die Lupe. Dabei kommen einige Gemeinsamkeiten und noch mehr Unterschiede zutage. Zuerst einige einende Faktoren: Da ist zuallererst der Wille, Menschen zu helfen – wie etwa im Fall der Neustifter Bergrettung am Stubaier Höhenweg. Dafür bringen sich die Bergretter meist ehrenamtlich ein, im Gegensatz zu Frankreich, wo die Polizei diese Aufgabe übernimmt. Ebenso verbindet alle der Wunsch, Unfälle durch Präventionsprojekte zu vermeiden. Und die Arbeitsweise, wenn möglich schnell und unkompliziert mit dem Helikopter zum Patienten zu fliegen. Zudem verfügen alle Bergrettungen über die Fähigkeit, sich bei widrigen Bedingungen am Boden zu ihm vorzukämpfen.

 

Doch im Detail warten viele Unterschiede. Diese tauchen bereits beim Namen auf. In Deutschland hilft die Bergwacht. Wer in Österreich dagegen die Bergwacht anruft, wird zwar freundliche und ebenfalls hilfsbereite Menschen am anderen Ende der Leitung hören. Doch sind diese Mitarbeiter einer uniformierten Behörde, die Gesetze vollzieht, beispielsweise in Sachen Naturschutz. Die österreichischen Bundesländer verfügen alle über eigene Bergrettungen, die in Vereinen organisiert sind, ebenso wie die Bergretter in Südtirol. Die Bergwacht Bayern hingegen ist Teil des Roten Kreuzes und die schweizerische Rettungsflugwacht Rega eine private, gemeinnützige Stiftung. Letztere arbeitet in der ganzen Schweiz, außer im Kanton Wallis, das über eine eigene Luftrettung verfügt. Die Rega kümmert sich ebenso um Notfälle im Flachland.

 

Alle Retter haben ihre eigenen Notrufnummern und Rettungsleitstellen. Doch ein Trost: Mit dem Euronotruf 112 kommen hilfsbedürftige Alpinisten – teils mit Umwegen über die Polizei – ans Ziel. Besser ist es, die Nummer der Bergretter im jeweiligen Land zu kennen (siehe Infokästen), um direkt bei der zuständigen Einsatzzentrale rauszukommen. Diese liegt im Fall des abgestürzten Bergsteigers am Stubaier Höhenweg beispielsweise in Innsbruck, in Südtirol in Bozen und bei der Rega am Flughafen Zürich. In Deutschland dagegen gibt es kommunale Rettungszweckverbände. Hinter diesem Wortungetüm verbergen sich Landkreise und Städte, die sich beispielsweise mit der Feuerwehr und anderen Hilfsorganisationen zusammenschließen.

 

Egal wo ein Notruf ankommt, der meist schnellste Weg zum Patienten führt per Helikopter durch die Luft. Doch greifen die verschiedenen Retter in unterschiedlicher Intensität zu diesem Mittel - nicht zuletzt bedingt durch die jeweilige Topografie. Beispielsweise sagt Roland Ampenberger von der bayerischen Bergwacht, dass diese häufig mit Fahrzeugen arbeitet. Denn am Nordrand der Alpen präsentieren sich diese weniger schroff und gut erschlossen. Oft zwar steiler, aber verkehrstechnisch ebenso gut zu erreichende Berge liegen am anderen Rand: In Südtirol kommt der Heli laut Joe Rainer von der Bergrettung Sexten bei nur rund einem Drittel der Fälle zum Einsatz. In der Schweiz mit ihren vielen Viertausendern und unzähligen Dreitausendern hingegen, fliegt die Rega in aller Regel bei Bergunfällen, bei denen der Verunfallte nicht mehr weiterkommt. Der Tiroler Veider spricht für alle, wenn er sagt, dass "der Hubschrauber mit Maß zum Einsatz kommen soll." Nicht also bei kleinen Blessuren. "Denn ein Flug kann zu einer großen Kostenbelastung für Unversicherte werden", sagt er weiter.

 

Ebenso kommt vor, dass eine Luftrettung dringend nötig wäre, der Hubschrauber aber wegen schlechten Wetters am Boden bleiben muss. So geschieht es im Fall des Abgestürzten im Stubai. "Trotzdem versuchte der Pilot, wie weit es möglich wäre, musste aber wieder umdrehen", erinnert sich Helmut Haas, der Einsatzleiter von damals. Die Bergretter erwartet nun ein Knochenjob. Denn der Wetterbericht sagt einen Wetterumschwung mit Schneefall voraus. Sie rücken zu einem der 2500 Einsätze der Tiroler Bergrettung im Jahr 2016 aus. Dabei handelt es sich größtenteils um sogenannte terrestrische Einsätze am Boden oder um solche, bei denen der Hubschrauber nur unterstützt. Das kann nötig sein, um für Sicherheit im alpinen Gelände zu sorgen, damit sich der Arzt ganz auf den Patienten konzentrieren kann. Noch mehr Einsätze – rund 4500 in Tirol – wickeln Hubschrauberbesatzung und Notarzt 2016 ohne die Bergrettung ab. Denn bricht beispielsweise ein Wanderer im Hochsommer auf einem gut ausgebauten Weg wegen Überanstrengung oder einer Vorerkrankung zusammen, muss es vor allem schnell gehen. Den Bergretter abzuholen, würde den Einsatz unnötig verzögern.

 

Doch im Stubai dauert es an diesem Tag länger. "Wir sind sofort los und soweit gefahren, wie es möglich war", erzählt Einsatzleiter Haas. Teils mit der Materialseilbahn der Nürnberger Hütte, teils zu Fuß geht es hinauf. Um 16 Uhr, knapp vier Stunden nach der Alarmierung, kommen die ersten Retter aus der Ortsstelle Neustift beim Patienten an. Dort wartet bereits der Hüttenwirt, selbst Bergführer und -retter. Mit heißem Getränk und einer Decke kümmert er sich sogut es geht um den Verunglückten und seine Familie. Die Bergretter finden den Mann ansprechbar vor, sodass er ihnen von seinen Verletzungen berichten kann.

 

Doch Sprache kann bei den sieben Ländern, die sich die Alpen teilen, und den zahlreichen Touristen aus aller Welt eine weitere Hürde sein. Nicht nur im Hinblick auf den Patienten. Auch unter den Rettern kann es zu einem Sprach-Mischmasch kommen, gerade in Regionen wie Südtirol. Dort werden in einem Helikoptor manchmal drei Sprachen gesprochen: Etwa Italienisch vom Arzt, Deutsch vom Bergretter sowie Ladinisch von Pilot und Windenmann, schildert der Sextener Joe Rainer. "Aber das ist normalerweise kein Problem", sagt er. Meistens werde Italienisch geredet, das jeder im Heli beherrscht.

 

Steht ein Heli nicht zur Verfügung, muss noch wesentlich mehr gesprochen werden. Denn am Boden rücken meist mehr Retter aus. Am Stubaier Höhenweg sind 16 von ihnen im Einsatz, um dem schwerverletzten Mann zu bergen. Einer begleitet gleich die Frau und Kinder zur Hütte. Für die anderen beginnt der lange Abtransport über schmierige Platten und teils drahtseilversicherte Steilstufen. Durch Schnee und Graupel, teils sogar unter Blitz und Donner, transportieren sie ihn mit einer Trage, die sie immer wieder abseilen müssen.

 

Dass die Retter bei solchen Aktionen selbst in Gefahr geraten können und Strapazen durchmachen, schreckt nicht ab. Denn keine der befragten Bergwachten und Bergrettungen klagt über Nachwuchsmangel. Bergsteigen liegt im Trend und Retter bekommen eine gute Ausbildung. Außerdem, sagen der Deutsche Ampenberger und der Tiroler Veider, sehen sie ihren Einsatz als Solidarität unter Bergsteigern. Deswegen wollen auch alle dem Klischee entgegenwirken, das manche Medien verbreiten: Das vom edelmütigen Bergretter, der den bergsteigenden Hasardeur aus einer selbstverschuldeten Gefahrensituation holt. Ebenso sehen alle Befragten Missbrauch der Bergrettung als absolute Ausnahme. Der Neutralität haben sie sich ohnehin alle verschrieben. Die Schweizer fassen es folgendermaßen in Worte: "Die Rega rettet, sie richtet nicht über Recht oder Unrecht, über Schuld oder Unschuld."

 

Welchen Beitrag diese Solidargemeinschaft unter Bergsteigern immer wieder leistet, zeigt der Einsatz am Stubaier Höhenweg. Um 21 Uhr erreichen Retter und Patient die Hütte. "Dort haben wir den Verletzten mit einem Kameraden, der auch Notfallsanitäter ist, mithilfe der Materialseilbahn nach unten gebracht", erzählt Einsatzleiter Haas. Endlich kann ihn die Ambulanz ins Krankenhaus bringen. Einige der Retter bleiben auf der Hütte. Die, die am nächsten Tag arbeiten müssen, steigen ins Tal ab, wo die Feuerwehr sie um 1 Uhr nachts abholt.

 

 

Bergwacht Bayern

 

Notrufnummer 112

 

Organisationsform Teil des Landesverbands des Bayerischen Roten Kreuzes und somit Teil einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

 

Hauptsitz Bad Tölz.

 

Ortsverbände 112 Bergwachten.

 

Mitglieder 3500 ehrenamtliche Einsatzkräfte.

 

Wie Mitglied werden? Jeder Interessent tritt als Anwärter in eine der 116 Bergwachten ein. Die Ausbildungszeit dauert rund 3 Jahre. Die Kontaktdaten der einzelnen Bergwachten gibt es unter www.bergwacht-bayern.de

 

Finanzierung Über Einsatzverrechnungen, den Staat Bayern und Spenden.

 

Wer trägt Einsatzkosten? Rettungsdienstliche Kosten übernimmt bei Verletzung die Krankenkasse. Es können aber Zusatzkosten entstehen, die eine entsprechende Versicherung trägt - etwa über die Alpenvereismitgliedschaft.

 

Wem gehören die Hubschrauber? Die eingesetzten Hubschrauber gehören zu verschiedenen Organisationen wie etwa Bundes- und Landespolizei, ADAC, Bundeswehr und Deutscher Rettungsflugwacht.

 

 

Bergrettung Tirol

 

Notrufnummer 140

 

Organisationsform Verein.

 

Hauptsitz Landesleitung in Telfs.

 

Ortsverbände 92 im ganzen Bundesland verteilt.

 

Mitglieder Mehr als 4200 Bergretter.

 

Wie Mitglied werden? Fördernde Mitglieder bezahlen 24 Euro im Jahr und erhalten dafür weltweiten Versicherungsschutz bis zur Summe von 15000 Euro. Dreh- und Angelpunkt für werdende Bergretter ist die Schulungszentrale Ausbildungszentrum Jamtal. Infos gibt es bei der Landesleitung unter Tel. +43 526264140, bergrettung.tirol

 

Finanzierung Zu je rund einem Drittel über Förderer, Einsatzverrechnung sowie durch das Land Tirol.

 

Wer trägt Einsatzkosten? Die Einsatzkosten bekommt der Gerettete in Rechnung gestellt. Diese leitet er an seine Versicherung weiter. Oder er ist förderndes Mitglied, sodass die Bergrettung Tirol die Kosten trägt.

 

Wem gehören die Hubschrauber? Die Hubschrauber, die er Bergrettung zur Verfügung stehen, gehören vielen verschiedenen Organisationen. Darunter finden sich private Betreiber, die Polizei, der Verkehrsclub ÖAMTC sowie das Bundesheer.

 

 

Südtiroler Berg- und Höhlenrettung

 

Notrufnummer 118

 

Organisationsform Freiwilligenorganisationen der Nationalen Berg- und Höhlenrettung (CNSAS) und Verein Bergrettung Südtirol.

 

Hauptsitz Bozen.

 

Ortsverbände 56 Bergrettungsstellen und eine Höhlenrettungsstelle.

 

Mitglieder 1700 freiwillige Bergretter deutscher, italienischer und ladinischer Muttersprache.

 

Wie Mitglied werden? Potenzielle Bergretter wenden sich an die Landesleitungen oder direkt an die jeweilige Ortsstelle. Die Daten aller südtiroler Bergrettungsstellen sind zu finden unter www.bergrettung.org und www.bergrettung.it/de

 

Finanzierung Über Zuweisungen des Landes Südtirol sowie über Spenden von Privatleuten, Bankstiftungen und Gemeinden.

 

Wer trägt Einsatzkosten? Die Einsatzkosten bekommt der Gerettete nur bei Hubschraubereinsätzen in Rechnung gestellt, der sie an seine Versicherung, beispielsweise beim Alpenverein weiterleiten kann.

 

Wem gehören die Hubschrauber? In Südtirol gibt es die drei Hubschrauber Pelikan 1 und 2 und Aiut Alpin. Der Verein "Heli" ist Träger der Luftrettung. Falls notwendig werden auch die Hubschrauber von Heer, Polizei, Carabinieri, Finanzwache und im Grenzgebiet die Maschinen der jeweiligen Nachbarn eingesetzt.

 

 

Rega

(= zusammengesetzt RE von "Rettungsflugwacht" und GA von "Garde Aérienne" oder "Guardia Aerea".)

 

Notrufnummer 1414

 

Organisationsform Private, gemeinnützige Stiftung. Es gibt zudem die Alpine Rettung Schweiz für Einsätze am Boden. Diese ist eine Stiftung der Rega und des Schweizer Alpen-Clubs SAC, deren Einsätze ebenfalls über die Rega-Einsatzzentrale disponiert werden.

 

Hauptsitz Rega-Center in Zürich-Flughafen.

 

Einsatzbasen Zwölf über die Schweiz verteilte Rega-Einsatzbasen und eine Partnerbasis.

 

Wie Mitglied werden? Die Gönnerschaft kann online abgeschlossen werden und kostet für eine Einzelperson 30 Schweizer Franken pro Jahr. Infos unter: www.rega.ch

Die Retter sind hauptamtlich bei der Rega angestellt. Insgesamt beschäftigt die Rega 393 Mitarbeiter.

 

Finanzierung Im wesentlichen durch Gönnerbeiträge (rund 60 Prozent) der rund 3,4 Millionen Gönner, sowie aus Erträgen der Einsatztätigkeit, wie Zahlungen von Versicherungen.

 

Wer trägt Einsatzkosten? Zuallererst die Versicherung des Verunfallten. Kommt diese nicht oder nur teilweise auf, kann die Rega ihren Gönnern als Dank für die Unterstützung die verbleibenden Kosten erlassen. Zwar gibt es darauf keinen rechtlichen Anspruch, doch in der Regel tut sie das.

 

Wem gehören die Hubschrauber? Die Rega verfügt über eine Flotte von 18 Hubschraubern und drei Ambulanz-Flugzeuge.

 

 

 

Fotos: Bergrettung Neustift (2), Peter Veider

Erschienen im Alpin 10/2017