Paracas

Frank Eberhard

Die Galapagos des kleinen Mannes

In Paracas trifft die Wüste direkt auf das Meer und ermöglicht einen spektakulären Reichtum an Leben. Der Ausflug zu den Inseln an der Pazifik-Küste Perus wird ein tierisch schönes Erlebnis

Paracas Der Äquator liegt nicht weit entfernt, Wüste umrahmt die Szenerie und trotzdem hüllen sich die Reisenden, die ins Boot steigen, in warme Jacken. Schuld ist der Humboldtstrom. Er sorgt dafür, dass das Meer vor der peruanischen Küste kalt bleibt. Er ist es aber auch, der einen erstaunlichen Reichtum an Leben ermöglicht.

 

An Land ist alles kahl. Doch am und im Meer tut sich immer irgendetwas. Das ist der Grund dafür, dass das Städtchen Paracas, knapp 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Lima, Stützpunkt für Touren zu den “Galapagos-Inseln des kleinen Mannes” ist. Jeden Morgen legen Schnellboote zu den Islas Ballestas ab. “Nehmt warme Kleidung mit”, rät Vicente, von einer der vielen Herbergen im Ort. Denn auf der Fahrt zu den Inseln, auf denen es sich sogar Pinguine gemütlich machen, wird es kalt.

 

Die tierischen Erfahrungen beginnen nicht erst auf hoher See. Bereits am Strand von Paracas watscheln Pelikane umher. Manch Einheimischer füttert die imposanten Vögel mit kleinen Fischen an und ermöglicht Touristen damit, ein Foto mit den Tieren zu schießen – gegen klingende Münze versteht sich. Wer es an ihnen und an den vielen Händlern vorbei bis in eins der Boote schafft, hat bald seine Ruhe. Doch unser Boot legt schon nach wenigen Minuten einen Stop ein. Zuerst eine, dann viele in die Luft geprustete Wasserfontänen machen neugierig. Wir erspähen die grauen Rückenflossen von Delfinen. Und die lassen sich vom Boot nicht stören. Vielmehr schwimmen sie, solange sie Lust haben, nebenher und beäugen dessen Insassen ebenso interessiert.

 

Wenige Minuten später der nächste Stopp. Auf den Dünen der Paracas-Halbinsel rückt eine Art Riesen-Dreizack ins Blickfeld, 200 Meter lang und rund 30 Zentimeter tief in den vom Salz gehärteten Wüstensand gebacken. Was die Zeichnung mit Namen El Candelabro (Der Kronleuchter) bedeutet? Niemand weiß es. Doch ranken sich viele Mythen darum: Sie reichen von plausiblen Erklärungen wie einer Orientierungshilfe für Seefahrer bis hin zu Alien-Theorien. Auch wird das riesige Bild mit den 190 Kilometer entfernten Nazca-Linien in Verbindung gebracht. Diese zum Unesco-Welterbe erklärten Bilder erstrecken sich über einen Raum von 350 Quadratkilometern. Wer in die Luft geht, erkennt dort neben geometrischen Formen zahlreiche Tierbilder.

 

Doch viel Zeit, sich über all das Gedanken zu machen, bleibt bei der Bootsexkursion zunächst nicht. Denn eine Pelikanschule fegt bald dicht über unsere Köpfe hinweg. Erst jetzt, in der Luft, zeigen die Vögel mit der gotesken Form ihre wahre Größe. Bald darauf rücken schon die Islas Ballestas ins Blickfeld. “Da sind ja doch zwei, drei Vögel drauf”, scherzt jemand im Boot, als das Ausmaß des Lebens auf den kargen Felsen sichtbar wird: Abertausende verschiedener Tölpel bewohnen die Inseln und versprühen einen Geruch, der sich in das Gedächtnis einbrennt. Oberhalb der Steilklippen ist mehr Gefieder als Fels zu sehen. Die mineralreichen Ausscheidungen der Tiere, das Guano, wurde dort früher im großen Stil abgebaut und war als Dünger begehrt. Heute stehen die Inseln unter strengem Schutz. Weil das auch für die fischreichen Gewässer gilt, sind nur noch wenige Menschen zu sehen. Ein einsamer Nationalpark-Ranger winkt den Booten von einem alten Steg aus zu. Lediglich er und seine Kollegen dürfen die Inseln noch betreten. Zwei mit Harpunen bewaffnete Fischer tauchen von ihrem winzigen Motorboot aus immer wieder ab. Nur noch auf diese Weise darf vor den Islas Ballestas gefischt werden. Damit weist die Regierung Auswüchse wie Dynamitfischen in die Schranken.

 

Diese Restriktionen gewährleisten, dass die Gewässer den vielen tierischen Inselbewohnern weiterhin genügend Nahrung bieten. Und diese steuern die Islas Ballestas nicht nur per Flügelschlag an. Als das Boot die Klippen umrundet, zeigen sich zuerst ein paar, dann hunderte von Seelöwen. Sie toben sich in den Wellen aus oder faulenzen auf den Klippen. Schnell wird klar, wer die “Machos” sind, wie die Einheimischen die Männchen nennen. Mit rund 300 Kilogramm Kampfgewicht sind sie weit größer als die Weibchen, von denen sie wie in einem Harem umgarnt werden. Ebenfalls über den Seeweg gelangen die Humboldtpinguine auf die Inseln. Dort watscheln und springen sie an den Klippen entlang, um ihre Brutplätze zu erreichen. Auch für diese gefährdeten Tiere stellt das “Galapagos des kleinen Mannes” einen wertvollen Rückzugsraum dar.

 

Viele Perureisende, gerade in geführten Touren, halten nur für die Islas Ballestas in der Region. Denn die Stadt Pisco, Namensgeber des Nationalgetränks Pisco Sour und früher ein oft angesteuertes Ziel, liegt größtenteils in Trümmern. Im Jahr 2007 zerstörte ein Erdbeben der Stärke 8.0 rund 75 000 Häuser und tötete fast 600 Menschen. Zwar wird überall gebaut und allmählich kehrt wieder Leben in die Stadt ein, doch bieten die vielen Ruinen und die besonders große Armut noch ein trauriges Bild. Das Beben erschütterte auch das 16 Kilometer entfernte Paracas. Glücklicherweise erreichten die Erdstöße den auch für den innerperuanischen Tourismus wichtigen Ort mit weniger Wucht. Trotzdem fiel La Catedral, eine ehemals spektakuläre Höhle an der Küste, in sich zusammen. Ärgerlich ist nur, dass wir das erst nach einer 15 Kilometer langen Wanderung durch die Wüste bemerken und der Rückweg uns noch bevorsteht. Quasi als Entschädigung taucht ein junger Kondor über den Klippen auf – ein seltener Anblick. In jedem Fall lohnt sich ein Ausflug an diesen Aussichtspunkt. Egal ob zu Fuß, mit dem Leihrad oder per Minibus: Erst wer für ein paar Stunden in diese Landschaft eintaucht realisiert, wie karg sie wirklich ist. Nicht ein Grashalm, kein Busch wächst in dem rötlichen Sand. Nur Steine, markante Dünenformationen und die Autopiste dienen der Orientierung. Denn das nahe Meer ist nicht immer zu sehen, auch wenn Haufen von Muscheln in Erinnerung rufen, dass wir nicht durch die Sahara, sondern in der peruanischen Küstenwüste wandern.

 

Weiter im Inland steigert sich das Sahara-Gefühl noch. Karger kann es zwar nicht werden, doch um die 200 000-Einwohner-Stadt Ica herum zeigt sich der Sand feiner und heller. Er türmt sich dort zu den höchsten Dünen des Kontinents auf. Gerade einmal 75 Kilometer von Paracas entfernt – für peruanische Verhältnisse ums Eck – liegt die Wüstenstadt. Auf dem Weg dorthin durchquert man die Pampa de Villacuri und trifft auf Dattelpalmen. Die Spanier brachten die Pflanzen im 16. Jahrhundert mit und versuchten ebenso Kamele anzusiedeln – vergebens. Dafür floriert die Landwirtschaft: Wein, Mais, Mangos, Baumwolle und mehr werden dort angebaut.

 

Ein ganz anderes Bild bietet sich westlich der Stadt. Inmitten riesiger gelber Dünen wartet der kleine Ort Huacachina auf Besucher. Er ist das wahrgewordene Ideal einer Oase: Ein See, Palmen sowie eine Reihe von Häusern drumherum und sonst nichts als Wüste. Wer auf eine der hohen Dünen steigt, vielleicht um mit einem Sandboard hinunter zu düsen, erblickt das wenige Kilometer entfernte Ica. Bretter bieten zahlreiche Einheimische unten am See an. Für zehn Nuevo Soles (etwa 2,70 Euro) verleihen sie zwei Boards und drücken den Abenteuerlustigen noch eine Kerze in die Hand. Denn Sandboarden hat mit seinem Äquivalent im Schnee nicht viel gemein. Sich eine flache Anfängerdüne zu suchen, hat keinen Wert – es wird sich nichts tun. Erst auf den steileren Hängen und mit viel Wachs bewegt sich etwas. Dann macht es wirklich Spaß.

 

Doch wer sich nicht von einem Jeep auf die Dünen fahren lässt, kommt schnell ins Schwitzen und ist froh, dass ihm der See unten wie ein grünes Auge entgegen leuchtet. Ein Bad, und sei es wegen hygienischer Bedenken nur eins für die Füße, erfrischt im heißen Wüstenklima ungemein. Denn das schwefelhaltige Wasser stammt daher, wo die meisten Perureisenden in erster Linie hinwollen: aus den Anden. Über einen unterirdischen Fluss gelangt es nach Huacachina und bewässert diesen Ort, der wie aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht wirkt. Das Wasser aus den Anden ermöglicht, genau wie das „Galapagos des kleinen Mannes”, einen erstaunlichen Reichtum an Leben.

 

 

Reise-Informationen

 

  • Anreise: Flüge von Zentraleuropa nach Peru kosten zwischen 1200 und 1500 Euro. Internationale Flughäfen gibt es in der Hauptstadt Lima und in Cuzco.Von Lima fahren gut ausgestattete und bewachte Busse für rund 20 Euro in vier Stunden nach Paracas.
  • Beste Zeit: Hauptreisezeit ist der peruanische Winter, also die Trockenzeit von Mai bis September. In dieser Zeit liegt zwar oft Nebel an der Küste, der in Paracas jedoch schwach ausgeprägt ist und sich meistens am Nachmittag lichtet.
  • Unterkunft: In jeder größeren Stadt und in der Nähe von Touristenattraktionen gibt es vom Luxushotel bis zur Jugendherberge alles. Bei der Wahl der Unterkunft ist der Sicherheitsaspekt zu berücksichtigen – Camping ist daher an den meisten Orten unüblich.
  • Permit: Für den Besuch von Naturschutzgebieten wie den Islas Ballestas werden Gebühren erhoben. Diese sind in der Regel in den Preisen der örtlichen Reiseanbieter inbegriffen. Das Preisniveau ist für europäische Verhältnisse gering.

 

 

Erschienen am 21. September 2014 im Magazin der Tiroler Tageszeitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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