Arequipa

Frank Eberhard

Tiefe Canyons, hohe Gipfel und die weiße Stadt

Arequipa im Süden Perus protzt mit einer kolonialen Innenstadt, den tiefsten Schluchten und bis zu 6000 Meter hohen Bergen

Arequipa Eine bessere Aussicht auf Arequipa gibt es nicht. Zwar fällt das Atmen auf rund 5600 Metern Höhe schwer, der Kopf schmerzt und der Gipfel ist noch nicht erreicht. Aber als die Sonne aufgeht, spielt sich an diesem Wintertag ein Spektakel ab: Der El Misti wirft seinen kegelförmigen Schatten bis zum Horizont und verdunkelt große Teile der Metropole Südperus. Obwohl Fotografieren auf dieser Höhe einem Kraftakt gleichkommt, kramen ein paar Bergsteiger der kleinen Gruppe ihre Kameras heraus. Ignacio, einen Bergführer aus der Stadt, beeindruckt der Anblick nicht mehr. Er achtet darauf, dass jeder an den vereisten Felsen seine Steigeisen anlegt. „Wenn ihr hier ausrutscht, macht ihr euch auf eine Reise bis nach Arequipa“, warnt er.

 

Die Peruaner nennen das über 3000 Meter tiefer liegende Arequipa La Ciudad Blanca – die weiße Stadt. Die weißen Eroberer aus Spanien gründeten sie im Jahr 1540. Die Kathedrale und die Arkaden rund um den zentralen „Plaza de Armas“ errichteten sie aus weißem Tuffstein. Wer das Zentrum erforscht, erblickt hinter den kolonialen Prachtbauten drei Berge mit ebenfalls weißen Spitzen: Im Norden präsentiert der 6075 Meter hohe Nevado Chachani seine drei tief verschneiten Gipfel. Im Osten wirkt der 5571 Meter hohe Pichu Pichu mit seinen sieben Gipfeln, auf denen Archäologen Reste von Inka-Opferstätten fanden, wie eine breite Mauer.

 

Zwischen diesen beiden Bergen thront der El Misti – das Wahrzeichen der Stadt und ein Vulkan, wie ihn ein Kind malen würde: Wie bei einem gleichschenkligen Dreieck laufen die Bergflanken aus getrockneter Lava und Asche zusammen und kulminieren in einem qualmenden Krater, dessen höchster Punkt auf 5822 Metern liegt. Der Vulkan ist aktiv und könnte im Fall eines Ausbruchs die Stadt zerstören.

 

Doch diese allgegenwärtige Bedrohung ist in der Stadt nicht zu spüren. „Unten“, auf 2300 Metern Höhe, herrschen angenehmes Klima und das übliche Chaos einer südamerikanischen Großstadt. Alte Autos schieben und hupen sich zäh durch die im Schachbrettmuster angelegten Straßen und verpesten die Luft mit Abgasen. Ob die Ampeln rot oder grün leuchten, interessiert weder Autofahrer noch Fußgänger – auch dann nicht, wenn die Polizei an der Kreuzung steht.

 

Doch wer mit heißblütigen Latinos und hartnäckigen Bettlern rechnet, liegt falsch. Fast die Hälfte der gut 28 Millionen Einwohner Perus sind Indianer. Mestizen, also Mischlinge aus Weißen und Indios, machen rund 37 Prozent der Bevölkerung aus. 15 Prozent stammen von weißen Europäern, vor allem von den spanischen Conquistadores, ab. In den Anden dominiert die indigene Bevölkerung – ein zurückhaltender und stolzer Menschenschlag. Zwar will an jeder Ecke jemand seine selbstgestrickte Wollkleidung, Snacks oder Souvenirs verkaufen. Doch sogar die vielen Armen bitten in der Regel nur einmal um eine Spende.

 

Dabei kann die saubere Altstadt nicht darüber hinwegtäuschen, dass Peru zu den ärmsten Ländern Südamerikas zählt. Wie in jeder größeren Stadt hat sich um Arequipa längst ein Armutsgürtel gebildet, der ständig wächst. Große Familien hausen dort in kleinen Holz- und Blechhütten, die Straßen sind nicht asphaltiert und überall streunen wilde Hunde herum. Schon am Tag beschleicht einen in diesen verharmlosend Pueblos jóvenes (Junge Dörfer) genannten Siedlungen ein mulmiges Gefühl. Nachts, wenn die Hunde aggressiv werden, kommt kaum einer auf die Idee, sich dort blicken zu lassen. Schließlich warnen auch die Auswärtigen Ämter geschlossen vor grassierender Kriminalität. Für die geläufigsten Verbrechen gibt es sogar eigene Namen. Dazu gehören etwa „Smash and grab”, also das Scheibeneinschlagen und Ausrauben von Autos an Ampeln oder Kreuzungen. Beim „Express Kidnapping“ werden Geiseln für 24 Stunden oder weniger festgehalten, während die Entführer mit ihrer Kreditkarte losziehen oder ein Lösegeld erpressen.

 

Obwohl Arequipa und seine Umgebung weit weniger bekannt sind als Cuzco, Machu Picchu oder der Titicacasee, bauen immer mehr Touristen sie in ihre Rundreise ein. Fast alle wollen dabei den Colca Canyon sehen. Bei der stundenlangen Fahrt mit einem der klapprigen Busse geht es dabei zuerst durch die Armutsviertel. Den ersten Stop baut Paola, eine junge indianische Fremdenführerin, daher noch nahe der Innenstadt ein. Sie legt ihren Gästen nahe, sich – völlig legal – mit Kokablättern einzudecken. „Das hilft gegen die Höhenkrankheit”, sagt sie. Schließlich liegen weite Teile der Strecke auf über 4000 Metern. Umgerechnet 80 Cent kostet eine Tüte des Stoffs, aus dem Kokain besteht. Paola beschwichtigt alle Bedenken. „Ihr müsstet zwölf Kilo davon essen, um die Wirkung von Kokain zu haben“, versichert sie. Und diese Menge halte kein Magen aus.

 

Beim zweiten Stop auf einem über 4000 Meter hoch gelegenen Plateau ist in der Steppenlandschaft eine Herde Vikunjas zu sehen – kleine, schlanke Andenkamele. Wer aussteigt und ein paar Schritte läuft, um sich in die richtige Fotoposition zu bringen, japst unweigerlich nach Luft. Beim nächsten Halt kramt die von Touristen aus südamerikanischen Ländern dominierte Gruppe bereits ihre Daunenjacken heraus. In einer kleinen Siedlung bieten Einheimische vor der Kulisse von Sandsteintürmen und des allgegenwärtigen El Misti ihre Wollwaren an. Fast jeder wärmt sich nun bei einem Kokatee auf und bereitet sich so gleichzeitig auf die noch immer nicht erreichte Passhöhe vor. Vor dieser passiert der Bus eine Baustelle, wo dick verhüllte Männer in der dünnen Höhenluft und im Schneegestöber die Straße ausbessern. Der Patampa-Pass liegt auf 4910 Metern – 100 Meter höher als der höchste Gipfel der Alpen. Selbst am Pass warten vom rauen Höhenklima geprägte Indios auf Kundschaft: Ein Mann lässt sich gegen einen Obolus mit seinen drei geschmückten Lamas fotografieren und eine alte Frau bietet ihre Wollmützen, -schals und -pullover an.

 

Die Fahrt endet im kleinen Chivay, dem Hauptort des Colcatals und Eingang zu dem Canyon, der oft als tiefster der Welt bezeichnet wird. Doch dieser Superlativ ist – wie so oft – mit Vorsicht zu genießen. Zwar trennen 3200 Meter in der Vertikalen die Berggipfel vom Grund der Schlucht, doch von der Straße, dem Standpunkt der Besucher bis in das Flusstal, sind es „nur“ 1200 Meter. An den breiteren Stellen ist das Tal mit landwirtschaftlichen Terrassen übersät, auf denen verschiedene Kartoffelarten und anderes Gemüse gedeihen. In den kleinen Dörfern zeigen weiße Tuffsteinkirchen, dass auch die Spanier diesen abgelegenen, aber fruchtbaren Ort bereits entdeckt hatten. Wanderfreunden muss Paola bei der Fahrt von Anfang an jedoch einen Dämpfer verpassen. In die Schlucht abzusteigen, ist nicht möglich. Ein Erdbeben hat drei Tage zuvor den Weg zerstört. Große Felsbrocken auf der Schotterpiste zeugen noch davon. Der Hauptattraktion, neben dem Canyon selbst, tut das keinen Abbruch: Am Cruz de Condor sind die größten Vögel der Welt aus der Nähe zu betrachten. Die bis zu drei Meter Spannweite messenden Geier lassen sich dort am Vormittag von Aufwinden emportragen und kreisen über der Schlucht.

 

Wer ein paar Tage im Colca Canyon verbringt, gewöhnt sich gleichzeitig an die Höhe – ein Vorteil für weitere Aktionen. Schließlich liegen auch touristische Pflichtpunkte wie der Titicacasee (3800 Meter Höhe) und Cuzco (3400 Meter) mitten in den Anden.

 

Wer noch höher hinaus will, etwa auf den Misti, sollte sich gut akklimatisieren. Denn nicht jeder Bergführer führt seine Gruppe so umsichtig auf den Berg wie Ignacio. Eine Gruppe Franzosen erliegt kollektiv der Höhenkrankheit. Nach einer qualvollen Nacht im Basislager auf 4500 Metern Höhe müssen sie alle umkehren. Die langsamer aufsteigende Gruppe um Ignacio errichtet ihr Zeltlager 100 Meter höher. Alle bleiben trotz minus 15 Grad und Atemnot mehr oder weniger gesund. „Ungefähr 40 Prozent schaffen es auf den Gipfel”, sagt Ignacio. Dabei gehört der Misti, obwohl er schon fast an der 6000-Meter-Marke kratzt, zu den leichtesten 5000ern.

 

Der Berg liegt in einem Naturschutzgebiet und darf nur mit Führer bestiegen werden. Manche Agenturen bringen ihre Klienten um jeden Preis nach oben – notfalls sogar mit künstlichem Sauerstoff. Ignacios Gruppe dagegen trägt ihre fünf Liter Wasser pro Person, Zelte, Schlafsäcke und Ausrüstung selbst. Bereits das Basislager zu erreichen, ist ein Kraftakt. Diejenigen, die am nächsten Tag den riesigen Schatten über Arequipa sehen, haben sich diesen Anblick aus eigener Kraft verdient. Wer sich im Schleichtempo und mit Schnappatmung noch gute 200 Meter höher schleift, blickt in den weit aufgerissenen Krater und hat noch mehr Schwierigkeiten zu atmen – der hohe Schwefelgehalt wirkt in der dünnen Luft wie eine Gemeinheit. Doch eine bessere Aussicht auf Arequipa gibt es nicht.

 

 

Reise-Informationen

 

  • Anreise: Flüge von Europa nach Peru kosten zwischen 1200 und 1500 Euro. Internationale Flughäfen gibt es in der Hauptstadt Lima und in Cuzco. Wer wenig Zeit hat, kann für etwa 100 Euro Inlandsflüge buchen. Von Lima fahren gut ausgestattete und bewachte Fernbusse für 50 Euro in zwölf bis 13 Stunden nach Arequipa.
  • Beste Zeit: Hauptreisezeit ist der peruanische Winter, also die Trockenzeit von Mai bis September. In dieser Zeit sind die Tage sonnig und die Nächte kalt.
  • Unterkunft: In jeder größeren Stadt und in der Nähe von Touristenattraktionen gibt es vom Luxushotel bis zur Jugendherberge alles. Bei der Wahl der Unterkunft ist der Sicherheitsaspekt zu berücksichtigen – Camping ist daher unüblich.
  • Permit: Für Naturschutzgebiete wie den Colca Canyon werden Gebühren erhoben. Diese sind oft in den Preisen der örtlichen Reiseanbieter inbegriffen.

 

 

Erschienen am 29. November 2013 in der Tiroler Tageszeitung

 

 

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