Inland Pack Track

Frank Eberhard

An Neuseelands wilder Westküste

Der Inland Pack Track folgt einer historischen Goldgräberroute auf der tropischen Seite der Südinsel

Punakaiki Der Inland Pack Track wurde 1867 als Goldgräberweg angelegt. Die 25 Kilometer lange Route an der Westküste der neuseeländischen Südinsel führt durch abwechslungsreiche, faszinierende Landschaften. Er lässt sich in zwei Tagen begehen.

 

Waren das jetzt schon 17 Flussquerungen? Irgendwann hört man auf zu zäh- len. Seit gut zwei Stunden marschieren wir immer wieder durch Wasser. Min- destens 17-mal, erfährt man im Informationszentrum des Paparoa-National- parks an der tropischen neuseeländischen Westküste, werden die Füsse auf diesem Stück des Wegs nass. Danach soll es nicht mehr weit sein zum Ball- room Overhang – einem Biwakplatz unter einem weit überhängenden Felsen. Nach einer Weile kreuzen sich die Flüsse Dilemma Creek und Fox River. Es ist nicht leicht, dort eine Stelle zu finden, die seicht genug ist, um das Gewässer zu queren. Dann geht es nur noch ein paar Mal durch den Fluss, und das Nachtlager ist erreicht.

 

Grosse Niederschlagsmengen

 

Wir befinden uns auf dem selten begangenen Inland Pack Track. Die 25 Kilo- meter lange Route zieht sich von Punakaiki bis zum Fox River Mouth entlang der Westküste der neuseeländischen Südinsel. Wegen der vielen Flussquerungen bestehen die Park Ranger der Naturschutzbehörde DOC (Depart- ment of Conservation) darauf, dass Wanderer sich schriftlich anmelden. Dabei sollen sie die geplante Route, Zeit, den Parkplatz des Wagens und eine Kontaktadresse in der Heimat angeben. Denn wenn es regnet, steigen die Flusspegel rasant an und schneiden den Weg ab. Und an der Westküste der neuseeländischen Südinsel regnet es oft und stark. Die Niederschlagsmengen werden dort in Metern angegeben. Grund für das Wetter sind die Southern Alps. Am Gebirge, das die grösste Insel des neuseeländischen Staats in Ost und West teilt, bleiben die Wolken hängen und regnen ab. An diesem Tag jedoch herrscht schönster Sonnenschein.

 

Der 1867 für Goldgräber angelegte Weg stellte bis 1930 die einzige Nord-Süd-Verbindung an dieser Stelle der Westküste dar. Oft ist er nur mit Mühe als Pfad auszumachen. Bis zur Fertigstellung der Küstenstrasse State Highway 6 war das Reisen an der wilden Küste ein gefährliches Unterfangen.

 

Gewöhnlich müssen Neuseeland-Reisende sie etwas suchen – die echte Wildnis. Zwar sind grössere Städte eher rar, doch ist viel Urwald zu Farmland umgebaut worden, vor allem auf der bevölkerungsreicheren Nordinsel. Anders ist das an der Westküste der Südinsel: Dort beginnt der Busch gleich am Strassenrand. Geradezu dramatisch präsentiert sich die Landschaft im Paparoa-Nationalpark zwischen den Städten Westport und Greymouth, die mit 3500 beziehungsweise 10 000 Einwohnern die Zentren des gesamten Küstenstreifens darstellen.

 

Zwischen den Orten bedeckt Urwald die Küste. Die Berghänge fallen direkt ins Meer ab und laufen nur hier und dort in Form langer, heller Sandstrände aus. Oft bekommen Besucher Pelzrobben zu Gesicht. Dass die Tiere vor einigen Jahrzehnten vom Aussterben bedroht waren, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Auch tummeln sich seltene Dusky-Delphine im Wasser, und wer ein gutes Fernglas und viel Glück hat, erblickt vielleicht einen Pottwal auf seiner Reise zu den Futtergründen an der Ostküste.

 

Von schmalen Parkbuchten am Strassenrand aus können Besucher zu kurzen Wanderungen aufbrechen. Der Truman Track beispielsweise führt in wenigen atemberaubenden Minuten durch einen Wald voller Farne und tropischer Nikau-Palmen zu einem halbmondförmigen Strand mit bizarr ausgespülten Felsen. Nahe dem DOC-Center liegt auch die touristische Attraktion des Parks, die Pancake Rocks. Ihrem Namen alle Ehre machend, erscheinen die Felsformationen wie in der Brandung aufeinandergestapelte, versteinerte Pfannkuchen.

 

Spuren des DOC

 

Da auch der Inland Pack Track in der Nähe beginnt, begegnen einem auf den ersten gut ausgebauten Kilometern in einer Schlucht noch gelegentlich Menschen. Durch das Grün der Farne und Palmen schimmern Kajakfahrer auf dem Pororari River als bunte Flecken durch. Das ändert sich nach einer Hängebrücke über den Fluss. Unmittelbar nach dieser verengt sich der Weg zu einem grossteils schlammigen Pfad und führt immer wieder bergauf. Dort geht es durch Kalksteingelände, das von Höhlen durchsetzt ist. Der Weg schlängelt sich durch zahlreiche Strudel- und Erdlöcher und quert viele schmale, aber tiefe Spalten. Langsam verändert sich die Vegetation. Der tropische Urwald weicht bald Rimu-Bäumen, die den gemässigten Regenwald im Landesinneren prägen.

 

Später erreicht der Weg eine Exklave der Zivilisation: die Bullock Creek Farm. Sie gehört nicht zum Nationalpark und ist an einen örtlichen Farmer verpachtet. Spätestens dort ist eine erste Furt zu überqueren. Orangefarbene Pfeile an einem Baumstamm weisen die beste Stelle, um den Bullock Creek zu passieren. Diese Marker lernen Trekkingfreunde in Neuseeland schnell schätzen.

 

Die meisten Wanderwege im Land werden vom DOC angelegt und gewartet. So heisst am Wasserlauf des Fossil Creek ein Schild Wanderer willkommen und weist gleichzeitig auf die Gefahren des Flusses hin. Das Holzschild wirkt in der Wildnis auf den ersten Blick etwas befremdlich – man realisiert erst jetzt richtig, wie wenig menschliche Spuren bis dorthin zu sehen gewesen sind. Jetzt freut sich, wer für dieses Wegstück ein Paar Turnschuhe mitgenommen hat: Auf diese Weise kommt man zügig im Fluss voran. Und nun beginnen besagte 17 Furten bis zum Ballroom Overhang.

 

Auch hier stossen wir auf Spuren des DOC: Im Busch steht ein Plumpsklo, gleich in der Nähe findet sich ein Campingplatz. In allen Naturschutzbereichen gibt es solche Camps, die mit dem Auto, dem Boot oder zu Fuss erreichbar sind. Sie sind so einfach wie möglich gehalten, verfügen aber stets über eine Toilette und Wasser in irgendeiner Form – und sei es nur ein Bach.

 

Abends trifft auf dem Campingplatz eine Gruppe aus Christchurch ein, der grössten Stadt der Südinsel. Mitten in der Nacht zerreisst ein Schrei die Stille. Fast gleichzeitig schreit ein Weka los. Das neugierige Waldhuhn hat eine Frau mit seinem spitzen Schnabel inspiziert – der Schreck war auf beiden Seiten gross.

 

Am zweiten Tag auf dem Inland Pack Track steht ein wesentlich kürzerer Weg an. Er bietet auch die Möglichkeit, einen Abstecher zu den Fox River Caves zu unternehmen. Eine der beiden Tropfsteinhöhlen ist ohne spezielle Ausrüstung begehbar. Eine gute Taschen- oder Stirnlampe ist ausreichend. Zuvor gibt es allerdings noch eine Flussquerung der Extraklasse zu meistern: Der Fox River ist an dieser Stelle gut 50 Meter breit, und das Wasser reicht selbst bei günstigen Bedingungen bis ans Gesäss. Gegen Ende des Track taucht wieder zuerst ein Pfad, dann sogar ein Weg auf. Auch die nur in Neuseeland vorkommenden Nikau-Palmen sind nun wieder vermehrt anzutreffen; sie zeugen von der nahen Küste. Noch zweimal gibt es nasse Füsse. An der Strasse angekommen, heisst es: den Daumen raushalten, um wieder zum eigenen Auto zu gelangen. Wer dann aus dem Wagenfenster freundlicher Kiwis oder entspannter Touristen blickt, sieht sie wieder an sich vorbeirauschen – die dramatische Landschaft der Westküste.

 

 

Erschienen am 28. März 2014 in der Neuen Züricher Zeitung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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