Kanaren

Frank Eberhard

El centro? Welches Zentrum?

Monochrome Vulkanödnis und sattgrüne Nebelwälder,

wilder Touristenrummel und Entspanntheit: Größer könnten die Unterschiede zwischen den benachbarten Inseln Teneriffa und La Gomera kaum sein

Kanarische Inseln Die Fährüberfahrt zwischen dem Touristenrummel und der absoluten Entspanntheit dauert nur eine Dreiviertelstunde. Hinter dem Kielwasser schrumpft Los Christianos mit seinen nicht gerade schönen Bettenburgen. Teneriffa wirkt vom Wasser aus, als bestünde es nur aus dem überdimensionalen Vulkan Teide. Als eine kleine Gruppe von Grindwalen auftaucht, ist Los Christianos schnell vergessen. Die Stadt steht für das einzige, was Individualreisende von Teneriffa abschrecken kann: den Massentourismus. Wer von dort kommt, wird kaum glauben, was ihn in der Inselhauptstadt von La Gomera erwartet.

 

Denn San Sebastian ist für mitteleuropäische Begriffe gar keine Stadt. Vom sich nahenden Schiff aus sind nur ein paar kleine Siedlungen zu sehen, die sich in die wild zerissene, grüne Küste pressen. Keine 9000 Menschen leben in dieser Hauptstadt. Während in Los Christianos direkt am Hafenausgang hunderte von Touristen – vornehmlich britische und deutsche – in fragwürdigen Aufzügen über die Promenade schlendern, ist es in San Sebastian ruhig. Grund dafür ist neben der unzugänglichen Topografie auch die fehlende Sonnengarantie. Im Süden Teneriffas wächst nur wenig und die Sonne brennt fast jeden Tag vom Himmel. Bevor die Touristen kamen, war dies eine unwirtliche Gegend. Beim Blick auf die Nachbarinsel ist dagegen oft zu sehen, wie die Wolken an den bis zu knapp 1500 Meter hohen Bergen hängen bleiben. Das macht La Gomera für die Bewohner der Kanaren zur “grünen Insel”.

 

Auch die Suche nach einer Unterkunft läuft anders als bei den Nachbarn. Wer auf Teneriffa nicht im Voraus gebucht hat, findet nur mit Mühe eine bezahlbare Bleibe. Auf La Gomera hingegen hat, wer mit einem großen Rucksack beladen von der Fähre steigt, gute Chancen, von Bernabé Hernandez Herrera angesprochen zu werden – auf Spanisch versteht sich. Im Gegensatz zu den Akteuren der nahezu perfekt durchorganisierten Tourismusindustrie auf Teneriffa, spricht dort kaum jemand Englisch oder Deutsch. Sind seine Wohnungen nicht voll belegt, wartet Bernabé oft an der Fähre und macht mit geübtem Blick aus, wer vielleicht noch kein Lager für die Nacht hat. Dann bietet er ein Apartment im Stadtzentrum an.

 

Palmen, Cafès, Restaurants

 

Wer gerade von der großen Nachbarinsel kommt und ihm folgt, wird schnell misstrauisch. Am frühen Abend, der kanarischen Rush Hour, führt er seine Gäste in spe durch eine fast leere Einbahnstraße, auf der auch beim besten Willen keine zwei Autos aneinander vorbeifahren könnten. Als auch noch zerfallene Gebäude auf der linken Straßenseite auftauchen, fällt es schwer nachzuvollziehen, warum in seinem freundlichen Vortrag immer wieder das Wort “centro” auftaucht. Schließlich sieht ein Stadtzentrum auf Teneriffa ganz anders aus.

 

Bis spät in die Nacht ist dort etwas los. Palmen säumen überall auf der Insel verkehrsberuhigte Bereiche und Cafés wechseln sich mit Souvenirläden, Restaurants sowie Anbietern von Erlebnistouren ab. Die Kontraste auf Teneriffa sind hart: Während die Städte im Süden Produkte der Tourismusindustrie sind, haben sich die Orte im Norden über Jahrhunderte entwickelt. Puerto de la Cruz zum Beispiel wird beim Blick von außen zwar auch von Hotels dominiert. Doch im Herzen der 30.000-Einwohner-Stadt beeindrucken viele alte Häuser mit den für die Kanaren typischen Holzbalkonen. Traditionshotels, Kirchen und Kolonialbauten zeugen von Geschichte. Hinzu kommt das reichliche Grün in der Stadt. Sei es am schwarzen Strand Playa de Jardin, den der kanarische Stararchitekt Cesár Manrique gestaltet hat, oder im Taoro-Park, der sich über mehrere Ebenen erstreckt: Palmen und Kakteen ragen meterhoch in den Himmel, Blumen leuchten in allen erdenklichen Farben.

 

340 Meter höher schmiegt sich das herrschaftliche La Orotava an grüne Berghänge. Weil hier der direkte Zugang zum Meer fehlt, blieb die Stadt von Bausünden in Form von Hotels verschont. Noch heute ist klar zu erkennen, dass wirtschaftliche Elite, Klerus und Adel dort jahrhunderelang unter sich blieben. Entsprechend rafiniert und pompös gerieten Architektur und Stadtbild. Ursache des üppigen Grüns in beiden Orten sind die Passatwinde, die am 3718 Meter hohen Teide hängen bleiben und die Insel klimatisch zweiteilen.

 

An den Hängen des Vulkans ist dabei das größte landschaftliche Extrem zu finden: In über 2000 Metern Höhe liegt der 16 Kilometer breite Riesenkrater des Ur-Teide. Aus dieser Mondlandschaft erhebt sich der eigentliche Vulkan und stößt noch immer tonnenweise Kohlendioxid aus. Bei einer Wanderung zum Gipfel wird klar, dass seine gesamte Umgebung im krassen Gegensatz zum bewaldeten Orotavatal steht, über dem die Wolken hängen. Noch extremer ist der Blick hinüber nach La Gomera. Beim Sonnenaufgang wirft der mächtige Berg seinen Schatten weit über die von Wolken belagerte Insel hinaus.

 

Guanchen-Gedenkstätte

 

Ihr höchster Punkt, der Alto Garajonay (1487 Meter), liegt inmitten eines Lohrbeerwalds, wie er vor den Eiszeiten auch auf dem europäischen Kontinent existiert hat. Der häufige Nebel sorgt in dem Nationalpark, der ein Zehntel der Insel bedeckt, für hohe Luftfeuchtigkeit und geringe Temperaturschwankungen. Dadurch sprießt das Leben. Das zeigen auch die Folgen eines riesigen Waldbrands im Jahr 2012: Wo das Feuer gewütet hat, sind die sonst von Flechten bedeckten Bäume völlig verkohlt. Von unten drängen neue Pflanzen aber unaufhaltsam nach. Riesige Blumenteppiche profitieren von einer ungewohnten Dosis Licht. Am höchsten Punkt der Insel dampft trotz des vulkanischen Ursprungs kein Schwefel. Aber die Nachbildung einer Stätte der Guanchen, der Ureinwohner, ist dort zu finden. In der Hoffnung auf göttlichen Beistand zogen sie sich vor rund 600 Jahren vor den kriegerischen Spaniern auf den für sie heiligen Gipfel zurück. Heute klärt eine Informationstafel am Denkmal über diese Tragödie der Inselgeschichte auf.

 

Auch besuchte um diese Zeit ein heute prominenter Gast die Insel: Christoph Kolumbus legte in San Sebastian seinen letzten Halt in der bekannten Welt ein, bevor er Amerika (wieder) entdeckte. Ein Bild auf den Kacheln der Promenade zeichnet heute seinen Weg nach. In der jüngeren Geschichte ereignete sich vor allem auf Teneriffa Interessantes. 1799 verbrachte der Naturforscher Alexander von Humboldt auf dem Weg nach Südamerika eine Woche auf Teneriffa. In seinem Werk „Südamerikanische Reise“ begeisterte er sich über die Insel. An diese gute Presse erinnert heute ein Denkmal über dem Orotavatal. 1936 stürzte der zwangsversetzte General Francisco Franco Spanien schließlich von der Inselhauptstadt Santa Cruz de Tenerife aus in drei Jahre blutigen Bürgerkrieg.

 

Heute gehören die Kanarischen Inseln zwar politisch zu Spanien und zur Europäischen Union, sind geografisch gesehen aber Teil Afrikas. Diese Lage und ihre zerklüfteten Küsten nutzten früher auch Piraten. Die schroffe Masca-Schlucht etwa, durch die heute eine der bekanntesten Wandertouren Teneriffas führt, soll ein Versteck der Freibeuter gewesen sein. Auf Ausflugsbooten, die vor der Küste auch zu Wal- und Delfinsafaris auf den 2000 Meter tiefen Atlantik aufbrechen, wird dieses Klischee geschickt genutzt.

 

An Bord der „Flippper Uno“ trägt die Besatzung Kopftücher, gestreifte Matrosen-Shirts, am Mast weht das schwarze Banner mit Totenschädel und überkreuzten Knochen. Das Boot legt in Los Gigantes ab, dem letzten Ort vor den Steilklippen, und bietet Whale-Watching auf die sanfte Art: Es nähert sich den Tieren nicht mehr als 60 Meter und schaltet dann seinen Motor ab. Wie nahe die Wale an Menschen herankommen, bleibt ihnen überlassen.

 

 

Reise-Informationen

 

  • Anreise: Flüge auf die Kanaren gibt es zu unterschiedlichsten Preisen. Ein realistischer Mittelwert sind 300 bis 400 Euro. Die meisten internationalen Flüge steuern den Flughafen im Süden der Insel Teneriffa an. Busse fahren von dort aus in etwa eineinhalb Stunden in den Norden. Nach La Gomera existiert eine Fährverbindung (mehrmals täglich). Zudem gibt es Flüge zwischen Teneriffa und dem kleinen Flughafen auf La Gomera.
  • Beste Zeit: Die Kanaren sind während des gesamten Jahres gut zu bereisen. Die durchschnittlichen Tagestemperaturen schwanken zwischen 21 Grad im Winter und 29 Grad im Sommer.
  • Unterkunft: Auf Teneriffa und La Gomera gibt es Hotels aller Preisklassen. Zudem sind auch Apartments für Selbstversorger in großer Zahl vorhanden. Die klassische Herberge für Rucksackreisende ist dagegen schwer zu finden.
  • Permit: Es gibt keine Eintrittsgelder für die Nationalparks. Allerdings darf der Teide nur mit einer Erlaubnis von der Regierung bestiegen werden. Diese sind oft bereits Wochen zuvor vergeben. Informationen dazu unter: www.reservasparquesnacionales.es. Kein Permit braucht, wer vor neun Uhr morgens auf den Gipfel steigt.

 

 

Erschienen am 8. November 2014 in "Die Presse"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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