Skuleskogen

Frank Eberhard

Die Küste, die sich gegen den Himmel streckt

Nationalpark ist das falsche Wort für den "Skuleskogen" an Schwedens Hoher Küste. Der stille, natürliche Vergnügungspark hat auf engem Raum fast schon

unverschämt viel zu bieten.

Aaron wird zurückkommen. Der weiße Strand Naskebodarna hat es ihm angetan. Sosehr, dass er nun vier Kilometer durch dichten Nadelwald zu seinem Auto zurück joggt – stets auf Tuchfühlung zum Meer. Über dem Weg ragen rote Granitfelsen aus dem nordischen Urwald. Dort oben versteckt sich eine Landschaft wie aus einem Abenteuerfilm. Aaron holt sich seinen Schlafsack und Kocher aus dem Wagen, um in einer kleinen Hütte in der Bucht zu übernachten. “Der Platz ist einfach umwerfend”, sagt er.

 

Eigentlich fährt der Däne gerade auf schnellstem Weg mit seinem Kleinwagen in Richtung Nordkap. Doch an diesem Ort an Schwedens Ostküste, wo Subarktis und gemäßigtes Klima aufeinander stoßen, gönnt er sich eine Pause. Das ist eine gute Entscheidung, die auch wir getroffen haben. Nur sind wir in der anderen Richtung unterwegs. Möglichst zügig soll es aus dem tiefsten Norden Schwedens in Richtung Stockholm gehen.

 

Dazu bietet sich die über weite Strecken drei- oder vierspurig ausgebaute Europastraße 4 an. Sie zieht sich von der finnischen Grenze am Nordende des Bottnischen Meerbusens über Schwedens Hauptstadt bis nach Helsingborg im Süden des Landes. Im oberen Drittel der Strecke, bereits etwa auf Höhe Südislands, liegt der Skuleskogen Nationalpark. Dieser Fleck unberührter Wildnis hat beinahe unverschämt viel zu bieten: Schluchten, malerische Inseln, Moore, Spuren aus der Bronzezeit und einen Untergrund, der in die Höhe schießt – zumindest in geologischen Zeiträumen gesehen. Bei einer bequemen Zwei-Tages-Wanderung lässt sich das alles erkunden.

 

 

Der Nationnalpark stellt das Herzstück des Unesco-Weltnaturerbes Höga Kusten (Hohe Küste) dar. Die wohl größte Besonderheit der Region lässt sich mit bloßem Auge zunächst nicht erkennen – es sei denn, man kommt zweimal im Leben: Einmal in jungen Jahren und nocheinmal als Senior. Denn die Küste hebt sich. Laut Nationalparkverwaltung steigt sie mit knapp einem Meter in 100 Jahren so schnell wie nirgendwo sonst auf der Welt aus dem Wasser. Zwar stieg der Meeresspiegel an, als das in dieser Region besonders dicke skandinavische Inlandeis schmolz. Doch befreite das Ende der Eiszeit vor rund 9600 Jahren das Land auch vom enormen Gewicht, das auf ihm lastete – und es begann sich zu heben. Besonders deutlich zeigen das die beiden ehemaligen Inseln Tärnättholmarna: Mittlerweile verbindet je ein sandiger und mit hohem Gras überwucherter Isthmus sie miteinander und mit dem Festland. Trockenen Fußes erreichen Wanderer den Campingplatz dort. Alte Einheimische kennen die Tärnättholmarna dagegen noch als echte Inseln.

 

Auch 500 Kilometer weiter südlich, ausgerechnet in Schwedens Hauptstadt, lassen sich die Folgen dieses Naturphänomens beobachten: Dort, wo heute unzählige Touristen über die beiden Hauptachsen der Altstadt flanieren, verlief im Mittelalter die Strandlinie. Viele Gassen führen von diesen beiden Straßen parallel zueinander ein paar Meter hinab. An ihrer Stelle verbunden früher Brücken die Stadt mit dem Kai. Beim Blick auf den Stadtplan wird klar, wie stark die Insel rund um das Königsschloss gewachsen ist.

 

Doch zurück in den Skuleskogen-Nationalpark. Als Aushängeschild prangt die Schlucht Slåttdalsskrevan auf seinem Logo – gemeinsam mit der seltenen Engelshaarflechte. Wer sich der Schlucht vom Südeingang des Parks aus nähert, wandert wie in einem stillen Vergnügungspark für Naturfreunde: Holzstege führen an pittoresken Wasserfall-Kaskaden vorbei. Riesiege Geröllfelder machen sich in Waldlichtungen breit. Das Eis und die Erosion durch das Meer haben sie geformt – heute liegen sie weit mehr als 200 Meter über dem Meerespiegel.

 

Nach einem Hochmoor folgt ein erster Vorgeschmack auf die eigentliche Schlucht: Zu beiden Seiten ragen senkrechte Granitwände auf. Zwischen den Brocken am Boden wuchern Farne. Fotogen klemmt ein riesier Fels zwischen den Wänden – rote Markierungen lotsen einen direkt darunter hindurch. Ein Weg zeichnet sich im massiven Geröll nicht mehr ab.

 

 

Über all dem thront der Slåttdalsberget. Wer dort hinaufsteigt, sieht vor sich die Schärenlandschaft in der Bottnischen See und hinter sich den schwedischen Urwald, aus dem er gerade emporgestiegen ist. Durch dieses satte Grün zieht sich schließlich auch die Schlucht Slåttdalsskrevan in Form eines nur sieben Meter breiten Spalts. Ihre dunklen Wände ragen 40 Meter lotrecht in die Höhe. Dieser Ort verzaubert. Vor allem im warmen Licht der im Sommer unendlich langsam und spät untergehenden Sonne lässt sich leicht nachvollziehen, warum sich der Sage nach Trolle und Riesen dort herumtreiben sollen.

 

Auch für Einheimische strahlt die Landschaft noch immer etwas Mystisches aus. Eine Wandergruppe aus dem 130 Kilometer entfernten Umeå ist vom Nordeingang des Nationalparks zum See Tärnättvattnen unterhalb der Schlucht gewandert. Ihre Stimmen sind das einzige Geräusch in der Wildnis. Als auch sie sich in die kleine Blockhütte zurückziehen, steigt duftender Rauch aus dem Kamin senkrecht in den Himmel. Es weht kein Lüftchen, sodass Bäume und Felsen sich makellos im See spiegeln. Nur die Mückenschwärme können dieses stille Naturspektakel trüben – doch an die gewöhnen sich Schweden-Reisende mit der Zeit.

 

Wer sich am Morgen nach einer hellen Nacht am Tärnättvattnen wieder an die Küste begibt, passiert eine weitere Schlucht. Sie fällt steil in Richtung Wasser ab. An ihrem Rand führt eine Höhle ins Herz des glatten, roten Granits.

 

 

Weiter unten erschließt ein Abstecher die Inseln, die die Landhebung mittlerweile mit dem Festland verbunden hat. Oben, an einem Steilufer rund 40 Meter über dem Meer, passiert der Wanderpfad mannshohe Steinhaufen, zwischen denen sich eine Kreuzotter eingerollt hat.

 

Die frühen Bewohner des Skuleskogen haben vor rund 3000 Jahren ihre Toten unter diesen Steinen begraben – direkt an der Küste. In der Bronzezeit bewegten sich die Menschen viel über Wasser fort, denn Urwälder und Moore erschwerten das Reisen an Land. Wer die Gegend also über die oft ruhige See erreichte, sah anhand der Gräber gleich, dass dort bereits jemand wohnte.

 

Später lebte niemand mehr dauerhaft in dem Gebiet. Nur Räubern diente es immer wieder als Rückzugsort. Heute gehört der Skuleskogen Nationalpark Luchsen, Bären, Bibern und Elchen – auch wenn diese meist unsichtbar bleiben. Menschen sind dort nur Gäste auf Zeit – egal ob sie am weißen Sandstrand Naskebodarna, auf den ehemaligen Inseln Tärnättholmarna oder am malerischen See Tärnättvattnen übernachten. Wer nach einem Wandertag im warmen Schlafsack liegt, alle Mücken los ist und die Stille genießt, wird kaum glauben können, dass er die schönsten Seiten Schwedens an nur einem Tag gesehen hat.

 

 

 

Infos zum Nationalpark

 

Lage: Der Skuleskogen-Nationalpark liegt in der Region Höga Kusten (Hohe Küste) an der schwedischen Ostküste. Obwohl das Land sich noch weit nach Norden erstreckt, zählt das Gebiet bereits zu Nordschweden. Etwa auf der gleichen Breite liegen das norwegische Trondheim und der Süden Islands.

 

Anreise: Von Stockholm führt die Europastraße 4 in 500 Kilometern zum Skuleskogen-Nationalpark. Der Nationalpark hat drei Eingänge (Süd, West und Nord), die sich alle auf Abstechern von der E4 ansteuern lassen.

 

Beste Zeit: Für einen Besuch im Norden Schwedens eignen sich die Monate Juni, Juli und August am besten. In dieser Zeit wird es kaum dunkel und die Temperaturen sind angenehm.

 

Unterkunft: Im Nationalpark selbst gibt es mehrere ausgewiesene Plätze, an denen Camping erlaubt ist. Ebenso gibt es einfache Schutzhütten im Schutzgebiet. Die nächsten größeren Städte mit Unterkünften aller Art sind Umeå (130 Kilomter im Norden) und Sundsvall (120 Kilometer im Süden).

 

Informationen: Die Internetseite www.sverigesnationalparker.se stellt alle Nationalparks Schwedens detailliert vor.

 

 

 

Erschienen am 8. Mai 2016 im Magazin der Tiroler Tageszeitung

 

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