Whanganui

Frank Eberhard

Vom Paradies in die grüne Hölle

Der Whanganui River auf der Nordinsel Neuseelands schlängelt sich

durch eine Wildnis, die am besten mit dem Kanu zu erkunden ist

In dem grünen Wasser des Whanganui River treibt etwas haariges. Nach einem Stupser mit dem Paddel rotiert es und vier Beine ragen aus dem Wasser. Eine tote Ziege – Opfer des Starkregens der vergangenen Nacht. Ertrunken. Die Einheimischen haben also nicht übertrieben, als sie sagten, der meist friedlich vor sich hin fließende Strom könne sich in eine tödliche Falle verwandeln. Doch kein Grund zur Panik. Bis auf das quälende Jucken der Insektenbisse an den Beinen geht es uns gut. Auch der hohe Pegel wird daran nichts ändern.

 

Seit drei Tagen paddeln wir bereits auf dem Fluss, der im Herzen der Neuseeländischen Nordinsel durch den nach ihm benannten Nationalpark mäandert. Seit drei Tagen ist alles grün: Der Dschungel an beiden Ufern lässt kaum Licht durch. Riesige Baumfarne, Rimueiben und Ratabäume bilden undurchdringliche Wände. Moose bewohnen beinahe jeden Stein. Der Fluss hat sich der Umgebung farblich angepasst. Gespeist wird er nicht nur durch zahlreiche Zuflüsse und durch den nahezu täglichen Regen, wir passieren Hunderte Wasserfälle und Rinnsale, die über die Randfelsen in den Whanganui River stürzen. Nur der Himmel ist srenggenommen grau. Sagen wir grau-grün. Jeden Tag zeigt er, was er am besten kann: Wasser auf die Erde prasseln lassen. Das ist die Realität in dem abgelegenen Pazifikstaat. Gerne bewerben die Touristiker das Land mit spektakulären Bildern, auf denen sich Regenwald und vergletscherte Berge unter blauem Himmel gegenseitig die Show stehlen. Doch auch der Regen gehört dazu. Die feuchte Luft, die sich über der Tasmansee zwischen Australien und Neuseeland sammelt, bleibt an den Bergen hängen und regnet sich an deren Westseiten ab. Das speist die Gletscher an den 3000ern der Südinsel. Hier im Norden bilden weit über 2000 Meter hohe Vulkane Barrieren für die Wolken.

 

Trotz des Niederschlags, paddelten wir bisher friedlich über den Fluss. Mit uns starteten Emma und Miles aus England sowie Martin und Jane Munro aus dem Norden Neuseelands mit ihren beiden Kindern. Zum Startpunkt der Kantour in der Neun-Häuser-Streusiedlung Whakahoro hatte uns Dan gefahren, ein typischer Neuseeländer – oder besser gesagt Kiwi – mit langen Dreadlocks, Shorts, T-Shirt und Flip Flops. 45 Minuten rast und rumpelt er mit den Kanus auf dem Dach des Trucks über Schotterwege immer tiefer in den hügeligen Urwald hinein. Dann erklärt er uns in aller Kürze, was ein Kanu und was ein Paddel ist, schiebt uns ins Wasser und ruft hinterher “Ich sehe euch in drei Tagen in Pipiriki!”

 

Auf dem Fluss arbeitet vorerst jede Gruppe für sich. Die Kiwifamilie hat ihre beiden Boote gut im Griff. Sowohl Mutter und Tochter im einen als auch Vater und Sohn im zweiten Kanu sind schnell außer Sichtweite. Emma und Miles dagegen, haben genau wie wir, noch Probleme mit der Koordination. Zwei Mal rumpeln wir gegen das Ufer, bevor wir den Dreh raushaben. Und dann beginnt sie: die drei Tage währende, grüne Monotonie. Ab und zu begegnen sich zwei Boote auf dem Strom, doch bis auf die sechs neuen Bekannten, ist vorerst niemand zu sehen. An der Strecke liegen eine handvoll rudimentärer Camps der Neuseeländischen Umweltbehörde DOC (Department of Conservation), die rund ein Drittel der Landesfläche verwaltet. Sie sind nur über den Whanganui River erreichbar und bieten Platz für Zelte, einen überdachten Esstisch und manchmal eine Schutzhütte. Nach 37,5 Kilometern steuern wir das Camp an der John Coull Hut an – zufällig übernachten auch die Engländer dort. Die Kiwis haben bereits zuvor gestoppt, sie wollten die Tour auf vier Tage aufteilen, werden es sich später aber noch anders überlegen.

 

Am Camp schleifen die Männer die Holzkanus die steile Böschung hinauf. Denn eins hatte Dan uns in seiner kurzen Einweisung ans Herz gelegt: “Egal, wie friedlich Fluss und Wetter wirken, bindet eure Kanus weit oben an und nehmt die Paddel am besten mit ans Zelt!” An einem sonnigen Abend und nach einem Tag mit wenig Regen, ist es kaum zu glauben, dass er Recht bahalten wird. Das Camp liegt weit über dem Fluss, inmitten der grünen Wand. Wir schleppen auch unsere sechs Plastiktonnen pro Boot dort hinauf, in denen Essen, Getränke, Zelt und Kleidung während der Fahrt vor Nässe geschützt lagern. Oben treffen wir Mary vom DOC. Obwohl sie seit Tagen keine Menschen gesehen hat, spricht sie wenig. Sie checkt, ob wir auch wirklich gebucht haben, was auf einem leeren Camp mitten im Dschungel befremdlich wirkt. Wenig später brummen die Gaskocher, begleitet von den üblichen Gesprächen Reisender, die sich kennenlernen.

 

Am zweiten Tag auf dem Fluss warten nur 30 Kilometer Paddelstrecke – der Fluss ist ruhig. Wir müssen arbeiten, um voranzukommen. Zudem haben wir einen kleinen Abstecher zu Fuß eingeplant: Auf halber Strecke liegt die “Bridge to nowhere”, ein Relikt aus den 1930er Jahren. Durch sie sollten abgelegene Farmen an die Zivilisation angebunden werden. Doch der Zweite Weltkrieg und der schwer zu bändigende Dschungel machten einen Strich durch diese Rechnung. Heute liegt das Betonbauwerk mitten im Nirgendwo und überspannt den Mangarupua Stream, einen Seitenarm des Whanganui River. Und sie führt nirgendwohin. Vom Fluss aus ist diese Skurrilität in 40 Minuten Fußmarsch durch dichten Busch erreicht – eine willkomme Pause für die Hände, die vom Paddeln wund sind. An dem Weg und bei der Brücke sind noch ein paar überwucherte Überbleibsel der Zivilisation zu erkennen. Doch ist es dort nicht mehr so einsam: Die Brücke hat einen gewissen Ruf, sodass auch Urlauber mit weniger Zeit sie sehen wollen und mit Jetbooten den Strom hinaufjagen. Jedesmal, wenn so ein Boot ab der Brücke flussabwärts an den Kanus vorbeirast, droht es sie zum Kentern zu bringen.

 

Zwischen zwei kräftigen Regenschauern erreichen wir das Camp Tieke Kainga. Der Name sagt es bereits: Maoriland. In den 1990er Jahren richtete sich der Blick der neuseeländischen Öffentlichkeit auf diesen Flecken Erde im Busch. Damals besetzten einige der Polynesier das Camp, deren Vorfahren hunderte Jahre vor den Weißen (den Pakeha) in Neuseeland siedelten. Die Hütte verwandelten sie in ein Marae, ein Versammlungshaus. Mittlerweile haben sich das DOC und die Maori geeinigt. Die Besetzer sind noch immer dort und betreiben die Hütte. Was nach einer angespannten Situation klingt, unterscheidet sich vor Ort nicht von der neuseeländischen Gastfreundlichkeit im Rest des Landes. Als aus Schauern Dauerregen wird, bietet uns der Hüttenwart einen Schlafplatz an – ohne Aufpreis versteht sich.

 

Genau wie die Engländer lehnen wir ab – unser treues Zelt wird uns schon trocken halten. Später erreicht auch die durchnässte Kiwifamilie das Marae. Wegen des Regens haben sie eine extra Paddelschicht eingelegt, um ein Camp mit Hütte zu erreichen.

 

Am nächsten Morgen ist die Sandbank verschwunden, an der wir am Vortag angelegt hatten. Kaum zu glauben, dass ein Fluss in einer Nacht so anschwellen kann! Und: Ein Glück, dass wir die Kanus wieder weit die steile Böschung hinaufgeschleppt haben. Nach einem Frühstück im Marae beschließen alle, die letzte Etappe nach Pipiriki gemeinsam zu fahren. Sollte ein Boot in den vor uns liegenden Stromschnellen kentern, können die anderen helfen. Doch die Maoris beruhigen uns: Führt der Fluss viel Wasser, seien diese Stellen eher ungefährlich. Sie behalten Recht. Die letzte Etappe im unruhigen Wasser und zwischen toten Ziegen wird zwar eine nasse Angelegenheit, doch die Stromschnellen sind gut zu meistern. Sie markieren beinahe das Ende des grünen Abenteuers. Nun ja, nicht ganz. Schließlich müssen wir die Anlegestelle in Pipiriki noch finden und dann sind da noch Dan und sein Fahrstil.

 

 

 

Nordinsel Neuseelands

 

Lage: Der Whanganui Nationalpark liegt zwischen den Vulkanen im Zentrum der Neuseeländischen Nordinsel und der Westküste. Stützpunkt für Kanutouren, wie auch für Exkursionen zu den Vulkanen ist der kleine Ort National Park.

 

Anreise: Internationale Flüge zahlreicher Fluggesellschaften fliegen Auckland, die größte Stadt Neuseelands an. National Park ist über den State Highway 4 erreichbar. Von dort aus fahren die Anbieter der Touren (Gesamtpaket ab 400 New Zealand Dollar/rund 250 Euro) nach Whakahoro und holen einen in Pipiriki wieder ab.

 

Unterkunft: Im Touristenort National Park gibt es Camps der Naturschutzbehörde (Department of Conservation, DOC), Hotels und Privatpensionen. Im Angebot ist alles vom Bett in der Herberge für 25 NZD bis zum 1000-NZD-Hotelzimmer am Fuße der Vulkane.

 

Infos: Für die Kanutour auf dem Whanganui River ist eine Erlaubnis des DOC erforderlich. Die fällige Gebühr für Hüttennutzung oder Campen ist in den Preisen der Anbieter inbegriffen. Das DOC publiziert Broschüren mit verschiedenen Aktivitäten auf dem Land und zu Wasser. Im Web gibt es Infos unter www.whanganuiriver.co.nz.

 

 

 

Erschienen am 22. November 2015 im Magazin der Tiroler Tageszeitung

 

Copyright © All Rights Reserved