Reportage

Mit Highspeed über die Insel

Will man Taiwan umrunden, ist der Zug der beste, günstigste und schnellste Weg

Die grünen Berge zur Linken bauen sich wie dunkle Mauern auf, die oben in Wolken eintauchen. Am rechten Abteilfenster huschen ebenfalls steile Hänge vorbei, die den Pazifik verdecken. Dazwischen nehmen Reisfelder, Palmenhaine und ab und zu ein kleiner Ort die schmale Ebene des East Rift Valley ein. Wie eine Lebensader schlängelt sich die Bahnlinie dort hindurch. Sie erschließt eine Seite von Taiwan, die nicht recht in das stereotype Bild des dichtbevölkerten, voll erschlossenen High-Tech-Landes passt.

 

Ganz anders eine Woche zuvor in Taipeh: Im monumentalen viereckigen Hauptbahnhof erkundigen wir uns, wann der nächste Zug nach Kaohsiung fährt. Das ist fast einmal durch das ganze Land, von der Hauptstadt im bergigen Norden in die Metropole des tropischen Südens. Mit mitleidigem Blick muss die zierliche Frau am Schalter uns die harte Wahrheit verkünden: “Die nächsten zwei Züge sind schon ausgebucht”, sagt sie. Hätten wir doch reservieren sollen? Müssen wir jetzt umplanen? Schließlich war Kaohsiung ja nur als Umsteigestation auf dem Weg nach Kenting am äußersten Südzipfel der Insel geplant ... Bevor die Fragen im Kopf die Überhand gewinnen, spricht die Bahnangestellte weiter: Wir müssten knapp eine Dreiviertelstunde warten, denn der Taiwan High Speed Rail, kurz HSR, fährt alle 15 Minuten. Das ist Taiwan – liebenswert und hyper effektiv.

 

Letzteres zeigt sich auch beim Einsteigen. Denn auf dem Ticket stehen bereits Waggon- und Sitzplatznummer. Auf dem Bahnsteig wiederum zeigen weiße nummerierte Boxen genau an, wo welcher Wagen halten wird. Während der Zug einfährt, stehen alle schon brav vor ihrer Box Schlange. Einsteigen und Platz nehmen geht also zügig, sodass wir gut 90 Minuten später 345 Kilometer weiter im Süden in Kaohsiung aussteigen werden. Auf diesem Weg zeigt sich das Land von seiner geballten Seite: Wohnraum, Industrie und Landwirtschaft lassen keinen Quadratmeter ungenutzt. Im Zug herrscht Stille. Eine Frau isst ihre scharfen Nudeln mit Gemüse und eine Gruppe junger Geschäftsmänner döst mit Kopfhörern in den Ohren. Gefühlt gleitet der Zug mit seinen knapp 300 Sachen nur durch dicht und etwas weniger dicht besiedelte Gebiete. In der Gegend um Kaohsiung wird es wieder richtig voll. Schnell ist am Bahnhof ein Schalter gefunden, an dem eine Frau mit breitem Lächeln Karten für den Kleinbus nach Kenting verkauft. Wartezeit gibt es kaum, nur zieht sich die viel kürzere Fahrt viel länger als die 345 Kilometer mit dem HSR.

 

In Kenting warten die mit Abstand schönsten Strände des Landes, Dschungelpfade und windumtoste Klippen darauf entdeckt zu werden. Für ein paar Tage wechseln wir das Verkehrsmittel und erkunden die Gegend auf einem gemieteten Motorroller. Als es schließlich wieder nach Norden gehen soll, durch das East Rift Valley an den Bergen entlang, setzt sich wieder der Zug als Transport unserer Wahl durch: schnell, komfortabel und günstig.

 

Doch Kenting hat keinen Bahnhof. Auf bekannter Strecke fährt uns ein Bus also ein Stück nach Fangliao zurück. In dunstiger Atmosphäre steigen wir in den schmalen Straßen des Städchens aus. Im winzigen Busterminal wollen wir einen älteren Herrn nach dem Weg zum Bahnhof fragen. Er spricht kein Englisch. Doch mit völlig entspannten Gesichtszügen und ohne ein Wort zu sagen, bedeutet er uns mitzukommen. Er schlurft um die Ecke des Häuserblocks und zeigt lächelnd auf ein großes Gebäude an einem mit Palmen bestandenen Platz - den Bahnhof. Die Frau am Schalter spricht dagegen bestes Englisch und weniger als 40 Minuten, einen Sushi-ähnlichen Snack und eine Ananas-Limo später, rattern wir über die wild bewachsenen Berge des Südens.

 

Als wir in Taitung beim Umsteigen nochmal durch ein Drehkreuz müssen, strahlt uns der Kontrolleur an, weist uns den Weg zu unserem Bahnsteig und ruft noch hinterher: “Genießt eure Zeit in Taiwan!” Das tun wir. Sowohl unsere Fahrt an der wilden Ostküste entlang als auch unsere Erkundungstouren in die verzweigten Arme, in die Tiefen und auf die Höhen der Taroko-Schlucht. Um flexibel zu bleiben, gibt es in der nächsten großen Stadt Hualien ein Bus-Ticket, das es erlaubt, beliebig an allen Haltestellen ein- und auszusteigen. So lassen sich mehrere kurze Wanderungen kombinieren. Denn durch häufige Erdbeben verändert sich die Schlucht ständig. Einige der zahlreichen Wanderwege darin sind immer gesperrt. Auch auf den offenen Wegen bleibt Steinschlag ein Thema: An einem nieseligen Abend zerplatzt ein Stein direkt hinter uns auf dem Asphalt der Straße.

 

Nach ein paar Tagen in der Region soll sich der Kreis schließen. Bei Nebel und Regen tuckert der Ziqiang Express den dramatischsten Teil der Ostküste entlang. Zum Leidwesen der Touristen verschwindet er dabei häufig in Tunneln. Wieder im Inland passiert die Bahn ein paar atemberaubend hässliche Industriestädte oder fährt auf Gleisbrücken mitten hindurch. Doch - das sei gesagt - schön ist keine taiwanesische Stadt auf den ersten Blick. Erst ihr quirliges Innenleben, Einkaufsmeilen und Nachtmärkte sowie Tempel und Parks als Oasen der Stille verleihen ihnen eine besondere Atmosphäre. Dazu tragen natürlich vor allem die freundlichen Menschen bei. Ebenso spielt die überall verbreitete Kawaii-Kultur eine Rolle, die alles verniedlicht und Städte somit weniger grau erscheinen lässt.

 

Bestes Beispiel dafür ist Taipeh selbst, wo unsere Zugreise (fast) endet. Denn mit der U-Bahn oder zu Fuß - je nach Laune - huschen wir zwischen den vielen Sehenswürdigkeiten hin und her: Vom Tempelkomplex Longshan zum weltbekannten Hochhaus Taipeh 101. Vom gigantischen Platz mit dem Chiang Kai-shek Memorial zu den Schildkröten und Eichhörnchen im Daan Forest Park. Vom Nationalpark Yangmingshan und dem Termaldorf Beitou vor den Toren der Acht-Millionen-Metropole zu den vielen Nachtmärkten der Stadt. Graue Betonarchitektur und die Spuren subtropischer Feuchtigkeit stören dabei nicht. Ganz im Gegenteil: Am Ende fällt es uns schwer, den für uns letzten Zug zu besteigen, der zum Flughafen fährt.

 

 

Tipps und Informationen

 

Anreise Die Fluggesellschaft China Airlines fliegt mehrmals wöchentlich nonstop von Frankfurt nach Taipeh (www.china-airlines.com).

Reisezeit Am besten eignen sich Herbst, Winter und der beginnende Frühling. Im Sommer ist es im subtropischen bis tropischen Taiwan heiß und regnerisch.

Bahnreisen Die verhältnismäßig günstigen Zugtickets gibt es überall im Land direkt an den Bahnhöfen zu kaufen. Das ist meist einfacher, als online das richtige Angebot zu finden. Einen Überblick zur Netz-Infrastruktur gibt es unter www.taiwantourismus.de/wissenswertes/verkehr und www.railway.gov.tw/en

Auskunft taiwantourismus.de

 

 

 

 

 

 

Erschienen am 8. Dezember 2018 in der Welt

 

Copyright © All Rights Reserved