OMM

Frank Eberhard

Very British!

Kopf und Körper sind beim Original Mountain Marathon gleichermaßen gefordert: Die

Teilnehmer müssen sich zwei Tage lang orientieren, die richtige Taktik wählen und vor

allem: laufen respektive schnell gehen. Nun fand das Kultrennen aus Großbritannien

erstmals in den Alpen statt.

Der auf der Karte eingezeichnete Pfad will einfach nicht auftauchen. Schon eine ganze Weile wühlen wir uns durch hohes, nasses Gras, stapfen dazwischen in von Kühen ausgetrampelte Wasserlöcher. Doch die gepunktete Linie, die uns einige Höhenmeter sparen sollte, bleibt eine unerfüllte Verheißung. Also arbeiten wir uns auf allen Vieren wieder eine schlammige Böschung hinauf, zum Forstweg, den wir eigentlich nicht nehmen wollten. Die nasse Kleidung klebt am Körper - seit dem Start hat es mal mehr, mal weniger geregnet. Aber im Laufschritt geht es weiter, mit dem Gepäck für zwei Tage in den Bergen auf dem Rücken.

 

Körper, Hirn, Teamgeist

 

Der Rahmen, in dem sich 60 Läufer aus verschiedensten Ländern diese Schinderei antun, heißt OMM. Das hat nichts mit meditativen Entspannungstechniken zu tun, sondern eher damit, beschleunigt zu entschleunigen, wenn man so will. Denn diese drei Buchstaben stehen für Original Mountain Marathon. Klingt anstrengend? Ist es auch. Bei dem Rennformat aus Großbritannien reduzieren sich die Teilnehmer für zwei Tage auf das Notwendigste: ihren Körper, ihr Hirn und ihren Teamgeist. Stets zu zweit müssen sie sich nur mit Karte und Kompass durch die Bergwelt rund um Steinberg am Rofan orientieren und dabei bestimmte Punkte finden. Der Ort liegt auf gut 1000 Metern Höhe, eingebettet wie in einem Amphitheater aus noch einmal einen Kilometer darüber aufragenden Bergen. Die Nacht verbringen die Läufer auf den Stufen dieses Theaters im Zelt. Sie essen, was sie mit sich tragen und schlafen so warm und trocken, wie es ihr persönlicher Kompromiss zwischen Rucksackgewicht und gewünschter Ausrüstung zulässt. »Jeder hat also die Wahl, ob er eher leicht und schnell unterwegs ist oder am Abend in einem dicken Schlafsack liegt«, sagt Jürgen Jacob vom deutschen OMM-Veranstaltungsteam. Vorgeschrieben ist nur ein Mindestmaß an Equipment, darunter ein Zelt pro Team.

 

Eine Frage der Taktik

 

Während Tropfen bereits auf ihre Kapuzen rieseln, bekommen die Läufer am Start eine Karte in die Hand gedrückt. Auf sich allein gestellt müssen sie nun die richtige Taktik finden, um während der ihnen zur Verfügung stehenden Zeit möglichst viele Punkte zu sammeln und rechtzeitig am vorgegebenen Übernachtungsplatz zu sein. Dann geht es los. Zeitversetzt stürzen sich die Teams aus Großbritannien, Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark, Estland, Polen und sogar Japan gleich auf den ersten Anstieg am Fuß des Guffert. Die Karte in der Hand navigieren sie über ein Netz kleiner Wege, um den Pfad zu finden, der direkt auf die erste Kehre eines Forstwegs zuhält. Dort wartet der erste Posten und beim Berg-hinaufschnaufen wächst die Spannung, wie so ein Checkpoint aussieht und wie gut er zu finden ist.

 

Als der steile Waldpfad auf die Schotterpiste mündet dreht sich der Kopf nach rechts. Der durch die Kapuze eingeschränkte Blick sucht und findet die Kehre und sogleich ein orange-weißes Fähnchen an einem Baum. Darüber hängt ein Plastikkasten mit zwei Nummern. Die erste Zahl identifiziert den Checkpoint als Nummer 85. »So könnt ihr checken, ob ihr auch wirklich da seid, wo ihr hinwolltet«, erklärt Peter Weinig von der Organisation bei der Einweisung am Vorabend. Die zweite Zahl, 20, verrät, wie viele Punkte hier zu holen sind. Schwer erreichbare oder zu findende Checkpoints bringen mehr, als die am Wegesrand. Die Skala reicht von 10 bis 50. Es ist also nicht nur Orientierung gefragt, sondern auch ein guter Plan, um möglichst viele Punkte zu sammeln.

 

Britisches Kultprodukt

 

Jeder Teilnehmer trägt einen Chip am Handgelenk. Den steckt er in das Kästchen, es piepst und weiter geht's. Nun wissen wir, wie die Sache läuft und geben Gas. Und mit uns die Konkurrenz. Wobei dieser Begriff ein falsches Bild zeichnet. Denn die Stimmung unter den Läufern ist gelöst. Treffen sich zwei Teams, grüßen sie sich, manchmal reichen Zeit und Puste sogar für einen kurzen Plausch. Der findet meist auf Englisch statt. Denn der OMM ist auf der Insel Kult. Bereits seit 1968 messen sich die Briten begeistert beim Orientieren und Laufen. In den vergangenen Jahren mauserte sich der Lauf zum Exportschlager: OMM's finden in Island, Japan und nun auch erstmalig in den Alpen statt. Die Briten reisen diesen Läufen begeistert hinterher. Sie stellen an diesen Tagen am Rofan auf Wegen und Pfaden, in Büschen, Schlamm und Schnee die Mehrzahl.

 

Tim Young und Dan Smith aus der Region um Sussex laufen beispielsweise bereits ihren siebzehnten OMM. Allerdings den ersten außerhalb Großbritanniens. Der Spruch, dass sie und ihre Landsleute ihr »very british weather« mitgebracht haben, um sich einen Vorteil zu erschleichen, wird also schnell zum Klassiker. Für den 39-jährigen Young schwingt jedoch ein Stück Nostalgie mit. Er hat Teile seiner Kindheit in Deutschland verbracht. »Ich freue mich, die Sprache wieder zu hören und auf das Essen und kann es kaum erwarten, meinen Freunden in UK vom OMM Alps zu erzählen«, sagt er.

 

Wer zu spät kommt, ...

 

Mittlerweile ist das Rennen in vollem Gange. Die Punktezahlen der Teams summieren sich. Nach anstrengendem Anstieg aus einem Tobel hinauf zur Lahnalm heißt es wieder taktieren: Auf den verschneiten Bergkämmen über uns locken Checkpoints mit 40 und 50 Punkten. Im Wald liegen die Posten näher beieinander. Noch einmal die Karte studieren, Höhenlinien zählen und Entfernungen schätzen. Einen großen Schlenker zum nächsten Checkpoint würde der eingangs erwähnte Pfad ersparen. Am Ende kostet die Suche jedoch nur Zeit und beweist, dass durchnässte Schuhe noch nasser werden können. Aber genau das macht ja den Reiz eines solchen Orientierungslaufs aus. Wir stehen mitten in einer waldigen Mulde und müssen mit dem Kompass wieder zurück zur Forststraße finden.

 

Nach dieser Suche und etwas Herumirrerei an einem anderen Checkpoint bleibt weniger Zeit als gedacht, um das Camp zu erreichen. Jetzt heißt es Gas geben und auf dem Weg mitnehmen, was geht. Denn wer zu spät ins Ziel kommt, wird mit herben Punktabzügen bestraft. Als die meisten Teams ihre Zelte schließlich aufgeschlagen haben, streift Stu Hamilton lachend durchs Camp. »Eine typische OMM-Szene: Jeder versteckt sich im Zelt vor dem Regen«, sagt er. Hamilton und seine Kollegen von der Insel reisen zu allen OMM's im Ausland um die Qualität sicherzustellen.

 

Mehr als Zufrieden mit der Qualität des Rennens sind Roman Freitag und Michael Topf aus Wien. Mit einem Grinsen im Gesicht kommen sie im Camp an. Kurz zuvor haben sie sich noch in ihrer dünnen Laufkleidung durch 30 Zentimeter Schnee am Roßkogel gearbeitet. »Einmal haben wir uns verhauen«, erzählen sie. Doch ansonsten kamen die beiden Arbeitskollegen gut durch. Am nächsten Morgen können sie es kaum erwarten, sich wieder ins Rennen zu werfen. Der zweite Wettkampftag ist etwas kürzer als der erste. Je nach Laufmodus, Routenwahl und persönlichem Tempo bewältigen die Teilnehmer insgesamt zwischen 2000 und über 4000 Höhenmeter bei Strecken von etwas unter 40 bis 55 Kilometern.

 

Hatte das Wetter es noch erlaubt, das Zelt ohne Regen abzubauen und im Rucksack zu verstauen, tropft es pünktlich zum Start wieder. Wie die beiden Wiener suchen die Meisten an zwei Holzhütten nach einem dünnen, kaum noch benutzten Pfad, der die steilen Hänge über der Grundache quert. Durch das wegen der Nässe heikle Gelände kommen sie so zum ersten Checkpoint des Tages an der Einbergalm. Hier öffnet sich der Blick auf die felsigen Rippen der Rofanspitze, die, oben überzuckert, in den Wolken verschwinden.

 

Drei nahegelegene Posten bieten dann ein Best-of-OMM: Zuerst führt eine dünne Trittspur, die sich immer wieder im Gras verliert, in einen Tobel. Das ist 20 Punkte wert. Zurück am Weg soll irgendwo nordöstlich im weglosen, kupierten Wald ein kleiner Teich liegen - ganze 40 Punkte sind dort zu holen. Hier stellt der gute alte Kompass wieder seinen Nutzen unter Beweis. Auf der Karte nur einen Katzensprung entfernt, gibt es sogar noch zehn Punkte mehr zu ergattern. Doch wer genau hinsieht und Höhenlinien zählt, merkt schnell: Der 50er liegt auf einem Bergsattel. Durch das Latschengelände dort hinauf kämpfen sich unter anderem Hideki Mori und Tsuyoshi Nakano aus Tokio. Die Beiden sind in Japan auf den OMM-Geschmack gekommen und reisten eigens für das Rennen bereits nach Island. Ihren Lauf in Österreich verbinden sie mit ein paar Tagen auf dem Oktoberfest im nahen München. Doch stehen ihnen nach dem Posten am Sattel noch einige regnerische Stunden auf Trails, im weglosen Gelände und schließlich auf der Schotterpiste zurück nach Steinberg bevor. Dort laufen sie, wie auch fast 60 weitere erschöpfte, aber glückliche Läufer nach zwei anstrengenden Tagen und einer frischen Nacht im Zelt ins Ziel ein. Der erste OMM in den Alpen endet dort, aber die Geschichte dieses Rennformats hat hier gerade erst begonnen.

 

 

OMM IN KÜRZE

 

Der Original Mountain Marathon ist ein zweitägiges Extremrennen. Es existiert seit 1968 und verbindet Orientierung, Wandern in bergigem Gelände, Trailrunning und Campen in freier Natur. Selbstständigkeit und Ausdauer werden groß geschrieben, denn die Teilnehmer sind den Elementen ausgesetzt und der Erfolg hängt von ihren Entscheidungen ab. Die Teilnehmer des OMM übernachten nach dem ersten Lauftag alle auf dem gleichen Camp und für alle gilt die gleiche Ausrüstungsliste. Doch können sie zwischen vier Disziplinen wählen:

 

Die linearen Kurse: Das schnellste Team, das in den beiden Tagen die Checkpoints in korrekter Reihenfolge anläuft, gewinnt. Beim A-Kurs sind auf der idealen Linie 55 Kilometer Strecke bei 4300 Höhenmetern zu laufen. Der B-Kurs verlangt den Teilnehmern rund 38 Kilometer bei 2400 Höhenmetern ab.

 

Die Score Kure: Das Team, das in den beiden Tagen die meisten Punkte anläuft, gewinnt. Auf dem Long Score sind am ersten Tag 7 Stunden, am zweiten 6 Stunden Laufzeit erlaubt. Beim Short Score sind es 5,5 und 4,5 Stunden.

 

 

BASISWISSEN

Steinberg am Rofan

 

WIE ANKOMMEN?

Mit dem Zug nach Jenbach und von dort aus mit dem Bus Nr. 4080 nach Steinberg am Rofan. Oder mit dem Auto über Bad Tölz und Lenggries zur Grenze nach Österreich. Dort in Achental, kurz vor dem Achensee, links abbiegen und nach Steinberg am Rofan fahren.

 

WO WOHNEN?

In Steinberg am Rofan gibt es zahlreiche Zimmer unterschiedlicher Preisklassen. Drei Campingplätze liegen landschaftlich toll am Achensee. Vom Nordufer des Sees bis nach Steinberg sind es rund 15 Kilometer.

 

WO HINAUF?

Rund um Steinberg gibt es zahlreiche Tourenmöglichkeiten. Wer also nicht gerade für den OMM da ist, kann aus dem Vollen schöpfen. Markante Berge sind etwa der Guffert (2194 m, je nach Weg 3 bis 4 Std., bis I), Hochunnütz (2075 m, gut 3 Std.) und die Rofanspitze (2259 m, 5 Std.).

 

 

ORIENTIERUNG AM BERG FÜR EINSTEIGER

 

Wer sich mit analogen Mitteln orientieren will, braucht zwei Dinge: eine Karte und einen Kompass. Auch Freunden digitaler Hilfsmittel schaden Grundkenntnisse nicht, denn das Karte-Kompass-Prinzip liegt allen elektronischen Lösungen zugrunde. Hier einige wichtige Faktoren:

 

Der Maßstab: Karte ist nicht gleich Karte. Entfernungen sehen auf einer 1:50 000-Karte ganz anders aus als bei 1:25 000. Bei ersterer entspricht ein Zentimeter auf der Karte 50 000 Zentimeter im Gelände. Zwei Zentimeter Luftlinie sind also ein Kilometer im echten Leben. Bei 1:25 000 verdoppelt sich dieser Wert auf vier Zentimeter für einen Kilometer. Die beim OMM ausgeteilten britischen Karten haben den Maßstab 1:30 000, das erfordert es, umzudenken.

 

Höhenlinien: Jeder Bergsteiger kennt das - Entfernungen sind im Gebirge zweitrangig, die Höhenmeter entscheiden über die Menge des zu vergießenden Schweißes. Beim Kartenstudium ist also genaues Hinsehen angesagt: Wie weit die Höhenlinien auseinanderliegen, sagt etwas über die Steilheit des Geländes, die Anzahl der Linien gibt Auskunft über den Höhenunterschied. In der Legende steht, wie vielen Höhenmetern eine Linie entspricht.

 

Das Gelände: Wald, Wiesen, Fels und Eis sind mit jeweils eigenen Farben eingezeichnet (Legende). Ebenso unterscheiden sich die Wege: Es gibt Straßen verschiedener Größenordnungen sowie durchgezogene, gestrichelte und gepunktete Wege. Je dünner der Weg eingezeichnet ist, desto weniger ausgebaut präsentiert er sich im Gelände.

 

Der Kompass: Durch das gut ausgebaute Wegenetz plus Ausschilderung kommt der Kompass in den Alpen eher selten zum Einsatz. Doch bei schlechter Sicht, sei es durch Nebel oder im dichten Wald, hilft er, Richtungen zu bestimmen. Im weglosen Gelände geht dagegen ohne Kompass fast nichts. Allein die korrekten Himmelsrichtungen zu kennen und zu wissen, ob ein Berg beispielsweise westlich oder östlich umgangen werden soll, kann den Tag retten.

 

 

 

 

Informationen auch unter: www.bergsteiger.de

 

 

 

 

Fotos: The OMM (2), Frank Eberhard (3)

Erschienen im Bergsteiger 12/2017

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