Serie

Frank Eberhard

Markante Allgäuer – Claude Dornier

(14. Mai 1884 – 5. Dezember 1969)

 

Zahlreiche Menschen prägten das Allgäu in besonderem Maße. Einige von ihnen erlangten Berühmtheit über die Region hinaus. Andere stehen noch heute als Beispiel für einen ganzen Berufsstand oder eine Bewegung. Unter den markanten Persönlichkeiten finden sich Denker und Tüftler, Sportler und Pioniere. Beispielsweise revolutionierte Carl Hirnbein die Landwirtschaft und den Tourismus in der Region. Pfarrer Kneipp entwickelte sein Gesundheitskonzept, auf das heute noch unzählige Menschen schwören. Auch manch düstere Geschichte kommt beim Blick auf das Leben dieser Menschen zutage: In Kempten beispielsweise verurteilte ein Gericht die letzte Hexe auf deutschem Boden zum Tode. Diese und andere Geschichten besonderer Persönlichkeiten erzählen wir in der Serie „Markante Allgäuer“ in unregelmäßigen Abständen und setzen sie in den Kontext ihrer Zeit. Teil 4: Claude Dornier.

Zwischen Krieg und Frieden

Porträt Luftfahrtpionier Claude Dornier wirkte in einer Zeit rascher technologischer Fortschritte. Doch gerieten auch er und seine Flugzeuge in den Strudel der zerstörerischsten Konflikte der Menschheitsgeschichte

Kempten/Friedrichshafen Es war eine faszinierende und zugleich grausame Zeit, in der Claude Dornier seine großen Erfindungen machte. Ein technologischer Schub veränderte das Leben vieler Menschen: Elektrisches Licht erhellte ihre Häuser, Automobile eroberten die Straßen und Fluggeräte stiegen in die Lüfte auf. Doch genau dieser technische Fortschritt brachte in den beiden Weltkriege ungeahnte Schrecken, die mindestens 70 Millionen Menschen das Leben kosteten. Während dieser bewegten Jahrzehnte entwickelte sich Dornier vom Tüftler zum Luftfahrtpionier und zum Chef der nach ihn benannten Flugzeugwerke.

 

Um die Geschichte des in Kempten geborenen Dornier nachzuvollziehen, sind zwei Punkte wichtig. Zuerst das technische Prinzip „Schwerer als Luft“, worauf all seine Erfindungen beruhen. Denn zuvor flog vor allem, was durch Gas leichter als Luft wurde – beispielsweise die Luftschiffe seines Förderers Graf Zeppelin. Den zweiten Punkt fasst Ingo Weidig, Archivar der Dornier Stiftung, in knappe Worte: „Luftfahrtgeschichte ist immer auch Rüstungsgeschichte“. Denn auch Dorniers Flugzeuge richteten Tod und Zerstörung an. Die Kriege wirkten wie ein Katalysator für den Fortschritt.

 

Die wichtigste Weiche seiner Karriere stellte eine fast vergessene Bewerbung bei Luftschiffbau Zeppelin. Im November 1910 fing mer in der Firma des Grafen Zeppelin am Bodensee an. „Ich hatte einen großen Drang zur Luftfahrt“, erinnerte sich der 80-jährige Dornier auf Tonband. 1913, ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, dann der erste große Erfolg: Für das preußische Kriegsministerium entwickelte er eine drehbare Zeppelin-Halle. Dafür erhielt er einen Preis von 80 000 Goldmark, was heute rund 390 000 Euro entspricht.

 

Wichtige Denkanstöße sammelte Dornier im gleichen Jahr bei einer Reise nach Frankreich: In Paris sah er erstmals Flugzeuge aus der Nähe. Denn bereits 1909 war Louis Blériot mit einem Eindecker über den Ärmelkanal geflogen. Zudem lernte Dornier den Metallkonstrukteur Gustave Eiffel kennen, dessen Turm noch heute ein Wahrzeichen von Paris ist. Von der Reise tief beeindruckt, spezialisierte Dornier sich zunehmend auf den Flugzeugbau – mittlerweile in seiner eigenen „Abteilung Do.“. Wie neu das Thema damals im Deutschen Reich war, zeigt, dass es nicht mal ein deutsches Wort für „Aeroplane“ gab.

 

Ein weiterer entscheidender Schub hing mit dem Militär zusammen: Kurz nach Kriegsbeginn beauftragte die Marine ihn, ein Flugzeug mit damals schwer vorstellbaren 1000 Kilogramm Nutzlast zu bauen. Ab 1914 tüftelte Dorniers Abteilung in der Baracke Seemoos an ihren Entwürfen. Diese wurde 2016 vor den Toren des Dornier-Museums in Friedrichshafen wieder aufgebaut. „Dort hat er nach Dienstende noch die Entwürfe seiner Mitarbeiter verbessert“, berichtet Philipp Lindner vom Museum. Es ist ein Versuch, den Menschen Dornier zu charakterisieren. „Denn er war kein Steve Jobs, der mit viel Charisma auf einer Bühne spricht und nachher kaufen alle seine I-Phones“, zieht Archivar Weidig einen Vergleich zum Apple-Gründer. Dornier sei eher ein Denker hinter den Kulissen gewesen.

 

Der Erste Weltkrieg veränderte nicht nur die Welt, sondern auch die Luftfahrt: Gab es zu Beginn lediglich leichte Flieger mit Stofftragflächen, waren bei Kriegsende 1918 bereits alle Flugzeugtypen vom Aufklärer bis zum Bomber über den Fronten im Einsatz. Daher verboten die Siegermächte den Deutschen im Vertrag von Versailles, Flugzeuge zu bauen. „Dornier stand also immer mit einem Bein im Gefängnis“, sagt Lindner. Doch er profitierte von der Nähe zur Schweiz und fertigte teilweise in Italien.

 

Was dabei herauskam, war technisch revolutionär: Flugzeuge, die beinahe vollständig aus Metall bestanden und die Welt (fast) von Pol zu Pol erschlossen. Legendär wurde das Flugboot Wal, das über zwanzig Weltrekorde flog. Im Jahr 1925 erreichte der Polarforscher Roald Amundsen damit den 88. Breitengrad, nur 220 Kilometer vom Nordpol entfernt. Wolfgang von Gronau umrundete mit dem Wal 1932 die Welt. Ab 1934 verband es auf regelmäßigen Flügen Deutschland und Südamerika.

 

Do X geht als größtes Flugzeug seiner Zeit in die Geschichte ein

 

Ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Luftfahrt war 1929 das Flugschiff Do X. Es ging als größtes Flugzeug seiner Zeit in die Geschichte ein. Ein Blick in die damaligen Flugzeuge vermittelt ein ungewohntes Bild vom Luftreisen: Großzügig und gemütlich waren die Passagierflugboote eingerichtet, mit Holzstühlen auf Teppichboden und Porzellangeschirr auf Holztischen. Sowohl die Do X als auch der Wal hoben langsam ab und flogen mit rund 200 Stundenkilometern Geschwindigkeit. Auf ihrem Weg in den Südatlantik mussten sie immer wieder an vor Afrika oder Brasilien liegenden Schiffen auftanken.

 

In den 1930er-Jahren verdüsterte sich die deutsche Politik mit den Nationalsozialisten und steuerte auf einen neuen Krieg zu. Die Nazis schalteten die Luftfahrtindustrie gleich. Über allen Akteuren schwebte das Damoklesschwert der Enteignung. Das zeigt das Beispiel von Hugo Junkers: Dorniers Konkurrent hatte sich gewehrt und bereits 1933 seinen Betrieb verloren. Dorniers Rolle während der NS-Zeit bleibt ambivalent. Auf der einen Seite passte er sich an und profitierte von „einem erneuten massiven Entwicklungsschub“, wie Weidig es nennt. Andererseits litt er als Franzose unter dem Naziwahn. Beispielsweise wurde sein Vorname in Schriften des Regimes auf „Claudius“ oder „Karl“ eingedeutscht. Erst 1940 trat er nach langem Drängen regionaler Parteifunktionäre in die NSDAP ein. Die Alliierten stuften ihn später als „Mitläufer“ ein.

 

Doch auch aus seinen Flugzeugen fielen Bomben auf Menschen. Der Zweite Weltkrieg brachte ein bis dahin nie gekanntes Gemetzel – auch in und aus der Luft. Nach dem Krieg lag Deutschland in Ruinen und die Flugindustrie am Boden. Dornier lebte bis zu seinem Tod in Zug in der Schweiz. Schritt für Schritt gelang es ihm, in den 1950er-Jahren mit Kurzstart- und Senkrechtstartern wieder in Deutschland Fuß zu fassen. Schließlich hatte der nächste Rüstungswettlauf eingesetzt – diesmal zwischen dem Westen und der Sowjetunion. Luftfahrtgeschichte bleibt Rüstungsgeschichte.

 

Museum Das Dorniermuseum befindet sich am Flughafen in Friedrichshafen. Es hat täglich bis 17 Uhr geöffnet; im Winter bleibt es montags geschlossen.

 

 

 

Über den Menschen

 

Claude Dornier gilt als einer der großen Pioniere des Flugzeugbaus. Berühmt wurde er vor allem durch seine Flugboote.

 

● Geburt Claude Honoré Desiré Dornier kam am 14. Mai 1884 in Kempten zur Welt.

 

● Abstammung Claude Dorniers Mutter war Deutsche, der Vater Franzose. Daher hatte er die französische Staatsbürgerschaft.

 

● Werdegang Er studierte bis 1907 Maschinenbau an der Technischen Hochschule München und arbeitete anschließend als Konstrukteur in einigen Maschinen-, Brücken- und Stahlbauunternehmen. Im November 1910 begann Dorniers Karriere bei der Luftschiffbau Zeppelin GmbH. Schnell bekam er dort seine eigene „Abteilung Do.“, wo er sich zum Experten für Flugzeuge in Metallbauweise entwickelte. 1932 ging schließlich eine eigenständige Firma unter seiner Leitung daraus hervor. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelten sich die Dornierwerke stetig zum Forschungs- und Entwicklungsunternehmen, das 1985 von Daimler-Benz übernommen wurde.

 

Fotos: Dornier Museum Friedrichshafen (3), Frank Eberhard (2)

Erschienen am 25. April 2017 in der Allgäuer Zeitung

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